Ärzte Zeitung, 17.03.2011

Krise in Nippon hält japanische Gemeinde in Düsseldorf in Atem

Die japanische Gemeinde in Düsseldorf verfolgt das Geschehen in den Krisengebieten in der Heimat aufmerksam. Sie will für die Opfer spenden. Hausarzt Dr. Ikuya Shinoda beteiligt sich.

Von Anja Krüger

Krise in Nippon hält japanische Gemeinde in Düsseldorf in Atem

Auf engstem Raum drängen sich die Erdbeben-Opfer in dieser Notunterkunft in Rikuzentakata in der nordöstlichen japanischen Präfektur Iwate. Es herrscht frostige Kälte. Es mangelt an Elektrizität, Wasser und Lebensmitteln.

© dpa

DÜSSELDORF. Dem Düsseldorfer Hausarzt Dr. Ikuya Shinoda geht es in diesen Tagen wie vielen seiner Patienten, die wie er aus Japan stammen.

Er ist schockiert über das Ausmaß der Katastrophen, die über seinem Heimatland hereingebrochen sind. "Es ist zu entsetzlich, um darauf reagieren zu können", sagt der 54-Jährige.

Krise in Nippon hält japanische Gemeinde in Düsseldorf in Atem

Erdbeben und Tsunami sind in Japan nichts Ungewöhnliches. Doch neben der enormen Wucht der Naturgewalten erschrecken den Hausarzt und seine Patienten die Folgen aus den Beschädigungen des Atomkraftwerks in Fukushima. Denn Unfälle dieser Art sind für sie bislang unbekannt. "Das ist für Japan eine Zitterpartie", sagt er.

Das vergangene Wochenende hat Shinoda wie viele andere Ärzte weitgehend vor dem Fernseher verbracht, um keine Nachricht zu verpassen. Ab und zu hat er ins Internet geschaut und sich auf japanischen Websites auf den neuesten Stand gebracht.

Bereits am Unglücks-Freitag hatte er Kontakt zu seiner Familie in Japan, fast alle Angehörigen haben das Desaster unbeschadet überstanden. Nur wie es einer Tante geht, die im Erdbebengebiet lebt, weiß Shinoda noch nicht. Weder er noch seine Mutter konnten bislang Verbindung zu ihr aufnehmen.

"Ich habe es öfters probiert, aber ich konnte sie telefonisch nicht erreichen", berichtet er. "Und dann dachte ich: Die Rettungsmannschafen brauchen die Frequenzen." Jetzt versucht er nur noch einmal am Tag, ein Lebenszeichen von der Tante zu bekommen.

Über seine Kontakte vor Ort weiß er, dass das Alltagsleben in Japan zumindest im Nordosten sowie im Großraum Tokio stark eingeschränkt ist. Die Stromversorgung ist oft unterbrochen, der öffentliche Verkehr in weiten Teilen zum Erliegen gekommen. "In Tokio ist die Hälfte der Leute nicht an ihrem Arbeitsplatz", berichtet er.

Shinoda lebt seit mehr als 40 Jahren in Deutschland. Seit 17 Jahren ist er in Düsseldorf als Arzt niedergelassen. Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt beherbergt nach London und Paris mit rund 6500 Mitbürgern die drittgrößte japanische Gemeinde in Europa.

Viele Patienten von Shinoda kommen aus Nippon oder haben japanische Vorfahren. Sie belastet die Katastrophe sehr. Ob es um Bluthochdruck oder andere Beschwerden geht - jeder Patient in seiner Sprechstunde sagt mindestens einen Satz zu den Geschehnissen in Nippon, berichtet der Arzt.

Mehr sagt so mancher aber nicht. Shinoda fragt seine Patienten, ob sie Angehörige im Krisengebiet haben, und spricht mit ihnen darüber - wenn sie es wünschen. "Jeder ist ein bisschen in sich gekehrt", sagt Shinoda.

Der Arzt und seine Patienten kämpfen mit verschiedenen Gefühlen. Sie sind entsetzt und ratlos - und sie wollen Ruhe bewahren. "Es gibt keine hektische Kommunikation über dieses Thema", sagt er. Im Katastrophenfall die Ruhe zu bewahren, lernen die Menschen in Japan von klein auf.

Dem Hausarzt sind die Notfallübungen aus seiner Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen. "Wenn die Erde wackelt, muss man schnell unter einen Tisch kriechen und ruhig nach draußen gehen, wenn alles vorbei ist", sagt er. Für Menschen, die in Japan groß geworden sind, ist das selbstverständlich -wie die Bereitschaft zu helfen, wenn etwas geschehen ist.

Nachdem 1995 ein gewaltiges Erdbeben die westjapanische Hafenstadt Kobe verwüstet hatte, unterstützte die japanische Gemeinde in Düsseldorf mit Spenden den Wiederaufbau. Der Hausarzt hat sich daran beteiligt. Das hat er auch jetzt vor.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »