Ärzte Zeitung online, 18.03.2011

Kamikaze-Einsatz in Fukushima 1: Die Risiken sind enorm

TÜBINGEN (eis). In den Unglücksreaktoren in Fukushima setzen die Arbeiter seit Tagen ihr Leben aufs Spiel. Immense Schutzmaßnahmen sind nötig und trotzdem brauchen die Arbeiter viel Glück, um die Einsätze langfristig zu überleben, ist die Einschätzung des Katastrophenmediziners Professor Bernd Domres.

Kamikaze-Einsatz in Fukushima 1: Die Risiken sind enorm

Rauch steigt am 17. März nach dem Abwurf von Wasser per Helikoptern aus dem stark zerstörten Block 3 des havarierten Kernkraftwerks Fukushima auf.

© dpa

Abgesehen von der akuten Gefahr durch Feuer und Explosionen ist vor allem die radioaktive Kontamination problematisch. Die Arbeiter brauchen daher Schutzanzüge, Pressluftbeatmung und Feinpartikelfilter, die belasteten Staub fernhalten. Gegen die Strahlung sollen Bleischürzen und Bleischuhe schützen.

"Wenn man damit überhaupt noch arbeiten kann", sagt der Präsident der Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen. In der Regel seien an kontaminierten Orten auch nur Tätigkeiten von etwa 20 Minuten möglich. Danach müssten sich die Arbeiter wieder in Schutzräume zurückziehen.

Nach dem Bericht der Betreibergesellschaft Tepco an die Internationale Atomenergiebehörde IAEA werden nach den Explosionen zwei Arbeiter in den Kernkraftwerken vermisst, 15 seien verletzt worden. Zu Verstrahlungen wurde berichtet: 18 Mitarbeiter hätten radioaktive Partikel im Gesicht gehabt.

Über Messergebnisse der Ganzkörperdosimeter berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": Danach habe nur ein Arbeiter 138 Millisievert (mSv) während seiner Arbeit abbekommen, die Werte anderer Arbeiter hätten unter 100 mSv gelegen. Die japanische Atomenergiebehörde NISA berichtet am Freitag nur von einem kontaminiertem Arbeiter, der einer Dosis von 106,3 mSv ausgesetzt gewesen sein soll.

Zum Vergleich: eine Jahresbelastung von 100 mSv verursacht statistisch eine Krebserkrankung auf 100 Personen, eine Jahresbelastung von 1000 mSv fünf bis zehn Krebsfälle auf 100 Personen. Bei mehreren solchen Einsätzen kann das Risiko der Arbeiter für Krebs also stark ansteigen.

Besonders gefährlich sind die flüchtigen Nuklide wie Caesium-137. Diese senden Gammastrahlen aus, die wie Röntgenstrahlen die Schutzkleidung durchdringen und das Erbmaterial von Zellen zerstören. Geschädigt werden besonders Zellen, die sich rasch teilen, etwa Blut- und Schleimhautzellen.

Gelangt etwa Caesium-137 in den Körper, verhält es sich dort wie Kalzium, und wird im Knochen angereichert. Dort zerstört es im Mark das blutbildende System. Zur Diagnostik sollten daher engmaschig Blutbilder angefertigt werden, um einen Rückgang von Lymphozyten als Hinweis auf Schädigungen früh zu erkennen, so Domres.

"Man kriegt die Substanzen nicht mehr aus dem Knochen heraus", sagte der Katastrophenmediziner der "Ärzte Zeitung". Ist das Knochenmark stark angegriffen, kommt es zu Blutungen, Anämie und wegen Störungen des Immunsystems zu schweren Infektionen, an denen Betroffene dann häufig sterben. Einzige Rettung ist in dieser Situation eine Knochenmarktransplantation.

Weitere Risiken sind langfristig eine erhöhte Gefahr für Schilddrüsenkrebs und Leukämie sowie Fehlbildungen beim Nachwuchs.

Schutzkleidung und Pressluftbeatmung ist auch für die Hubschrauberpiloten wichtig, die Wasser auf die havarierten Reaktoren geschüttet haben, betont Domres. Er gibt zu bedenken, dass die Helikopter - sind sie erst einmal durch radioaktives Material verschmutzt - nicht mehr dekontaminiert werden können. Sie werden letztlich auf dem Schrottplatz landen.

Die Einsätze seien daher - abhängig von der Wettersituation vor Ort sowie möglichen belasteten Wolken - exakt zu planen. Durch Messung vom Boden aus lassen sich die Schadstoffe in der Luft heute jedoch bestimmen.

[21.03.2011, 16:12:55]
Gabriele Wagner 
Anmerkungen zu "Kamikaze-Einsatz in Fukushima 1: Die Risiken sind enorm"
Per E-Mail erreichte uns der folgende Kommentar von Dr. med. Thomas Kinzelmann, Arzt für Arbeitsmedizin:

Da ich mich beruflich sehr intensiv mit der Strahlenwirkung auseinandersetze, bin ich der Auffassung, dass man diesen Artikel in dieser Art und Weise nicht stehen lassen sollte. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass sich Prof. Domres in dieser Art geäußert hat.

Im Katastrophenfall sind auch in Deutschland einmalig 100 mSv Personendosis für die Verhinderung einer wesentlichen Schadensaus-breitung und bis zu 250 mSv für die Rettung von Menschenleben zulässig. Hierzu genügt ein Blick z.B. in die Feuerwehrdienstvorschrift.

Schutzmaßnahmen sind nötig um das Risiko der Arbeiter zu begrenzen. So muss neben der Dosisüberwachung und der Begrenzung der Personendosis eine Aufnahme von Radionukliden (radioaktiven Substanzen) in den Körper durch das Tragen von Atemschutz und eine Verunreinigung der Haut durch Schutzanzüge verhindert werden. Eine zeitnahe Dosisüberwachung und die adäquate Unterstützung der Einsätze mit der ggf. erforderlicher Hautreinigung (Hautdekontamination) ist mit Blick auf die zerstörte Infrastruktur sicher schwierig.

Sofern die Schutzziele eingehalten werden, ist eine akute Erkrankung (ARS, Strahlenkrankheit) ausgeschlossen und das strahlenbedingte Krebsrisiko limitiert. Entsprechend der derzeit anerkannten Risikoabschätzung muss bei 100 mSv Personendosis von einem additiven Krebssterblichkeitsrisiko von 0,5 - 1 % ausgegangen werden. Dies entspricht einem statistischen Lebenszeitverlust von etwa einem Monat jeder exponierten Person. Das strahlenbedingte Risiko liegt damit in einer Größenordnung, die bezogen auf das exponierte Kollektiv durch medizinische Überwachungsmaßnahmen und Vorsorge kompensiert werden kann.

Zum Vergleich sei angemerkt, dass die natürliche Strahlendosis eines Bundesbürgers in 50 Lebensjahren im Mittel ebenfalls etwa 100 mSv erreicht (Schwankungsbreite 50 - 250 mSv, Extremfälle bis 500mSv). Für beruflich strahlenexponierte Kollegen sind im Laufe Ihrer Berufstätigkeit in Deutschland bis zu 400 mSv Personendosis zulässig. In der restlichen europäischen Union dürfen in vierzig Berufsjahren 800 mSv erreicht werden. Auch bei radiologischen Verfahren in der Diagnostik und Therapie sollten wir die Strahlenexposition unserer Patienten (etwa 1 mSv für eine Röntgenaufnahme der LWS, 5 -20 mSv für ein CT, 5 - 30 mSv für eine Koronarangiographie und bis zu 100 mSv beim intrakardialen Mapping mit Ablation) v.a. bei Kontrolluntersuchungen (ohne akute Beschwerden) im Blick behalten.
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