Ärzte Zeitung, 26.03.2011

Hausarzt zwischen Brokdorf und Brunsbüttel

Seit 32 Jahren lebt und praktiziert Dr. Günter Voigt als Hausarzt. Seine Praxis liegt im Korridor zwischen den beiden Atomkraftwerken Brokdorf und Brunsbüttel. Panik hat die Atomkrise in Japan bei ihm nicht ausgelöst.

Von Dirk Schnack

Hausarzt zwischen Brokdorf und Brunsbüttel

Auf Augenhöhe mit Brokdorf: Für Dr. Günter Voigt ist das Atomkraftwerk von seiner Praxis aus nur einen Katzensprung entfernt.

© di

SANKT MARGARETHEN. Das Atomkraftwerk in Brokdorf ist gut gesichert. Der Betreiber schützt das Werk mit einem breiten Wassergraben, einem hohen Zaun und Stacheldraht. Dr. Günter Voigt hat sich an diesen Anblick längst gewöhnt.

Seit 1979 praktiziert Voigt in Brokdorfs Nachbarort Sankt Margarethen als Hausarzt. Von seiner Praxis direkt am Elbdeich fährt er nur fünf Minuten bis Brokdorf, zum Kernkraftwerk Brunsbüttel in die andere Richtung gelangt er noch schneller.

Weder Befürworter noch Gegner der Atomkraft

Wie lebt und arbeitet es sich zwischen zwei Kernkraftwerken, von denen eines als extrem störanfällig gilt und dessen Abschaltung in der Öffentlichkeit seit Jahren diskutiert wird? Warum hat er sich gerade hier zwischen zwei Atomkraftwerken niedergelassen?

Auf solche Fragen von Außenstehenden antwortet Voigt ganz nüchtern. "Wo andere Menschen wohnen, kann auch ein Arzt arbeiten", sagt Voigt im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Er ist weder ein Verfechter der Kernkraft, noch ein entschiedener Gegner - und hat damit eine Einstellung wie viele andere Bundesbürger und viele seiner Patienten auch.

Er persönlich hält die Technik für verlässlich und hat nie die Veranstaltungen der Atomkraftgegner besucht.

Gegen den 1976 begonnenen Bau des Kraftwerks in Brokdorf liefen von Beginn an Demonstrationen, die zum Teil gewaltsam geführt wurden. Nach einem vierjährigen Baustopp wurde Ende 1980 - Voigt war damals ein Jahr in der Nachbarschaft niedergelassen - bekannt, dass der Bau fortgesetzt werden sollte.

Am 28. Februar 1981 kamen daraufhin rund 100.000 Menschen in der Wilstermarsch zu einer vom Landrat verbotenen Demonstration und standen 10.000 Polizisten gegenüber. Als Landarzt hatte Voigt zu dieser Zeit die schwierige Aufgabe, trotz der weiträumigen Straßensperrungen die normale Notfallversorgung für die Bevölkerung aufrecht zu erhalten.

Gehäufte Krebsfälle in der Nachbarschaft beunruhigen

Folge der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten waren zahlreiche Verletzte, juristische Auseinandersetzungen und schließlich der Brokdorf-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, womit das Verbot der Demonstration als verfassungswidrig eingestuft wurde.

1986 ging Brokdorf weltweit als erste Anlage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl in Betrieb. Während die Region in den Nachrichten zu dieser Zeit Dauerthema war, arbeitete Voigt still als Hausarzt für die Patienten der Region, arrangierte sich mit der medialen Aufregung und erlebte, wie das Thema immer wieder die Menschen beschäftigte.

So demonstrierten erst vor rund einem Jahr erneut rund 100.000 Menschen mit einer Kette zwischen den AKW Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel gegen Kernkraft.

Auch Voigt und viele andere Menschen der Region sind nachdenklich geworden. Das hat allerdings nichts mit der aktuellen Katastrophe in Japan zu tun. Grund ist eine bislang nicht erklärbare Häufung von Krebserkrankungen in einem Nachbarort.

Ein Zusammenhang mit den beiden Kernkraftwerken ist nicht belegt. Auch Voigt lässt sich auf keine Spekulation ein: "Man versucht, sich seine Neutralität zu bewahren", sagt der 67-Jährige vorsichtig. Er verschweigt aber auch nicht, dass manche die Situation wegen der Krebserkrankungen im Nachbarort als beklemmend empfinden.

Seine Einstellung zu den beiden Werken in der Nachbarschaft ist unterschiedlich: Er vertraut der Technik in Brokdorf, für ein Wiederanfahren des störanfälligen Werks in Brunsbüttel dagegen hätte er wenig Verständnis. Eine Schlussfolgerung aus der Katastrophe in Fukushima will er für seine Region nicht ziehen - dafür sind die Bedingungen zwischen den Regionen zu verschieden.

Praxisnachfolger trotz guter Infrastruktur nicht in Sicht

Voigt und seine Patienten haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, mit der öffentlichen Auseinandersetzung pro und contra Atomkraft zu leben. Dazu gehören auch die mit dem AKW-Standort verbundenen Einnahmen der Kommunen. Brokdorf kann sich unter anderem eine Eissporthalle, ein beheiztes Freibad und ein großes Sport- und Freizeitzentrum leisten und zahlt über die Kreisumlage auch viel Geld für die anderen Gemeinden.

Doch eine gute Infrastruktur, wie sie von niederlassungswilligen Ärzten andernorts häufig vermisst wird, hat bislang noch keinen jungen Kollegen von Voigt davon überzeugen können, seine Praxis zu übernehmen. "Ob das etwas mit Brunsbüttel und Brokdorf zu tun hat, weiß ich nicht.

Schließlich ist es im ganzen Kreis schwer, Nachfolger für Landarztpraxen zu finden", sagt Voigt. Ohne Nachfolger wird er wahrscheinlich in seinem Haus, das Wohnung und Praxis kombiniert, bleiben. Findet er aber einen Nachfolger und kann seine Immobilie veräußern, wird er sich voraussichtlich einen anderen Altersruhesitz suchen.

Die AKW in der Nachbarschaft geben bei dieser Entscheidung aber nicht den Ausschlag.

[26.03.2011, 10:52:40]
Dr. Joachim Malinowski 
na, dann weiterhin frohes Schaffen!
Ein sehr interessanter, nahezu unglaublicher Artikel:

"Das Atomkraftwerk in Brokdorf ist g u t gesichert. Der Betreiber schützt das Werk mit einem breiten Wassergraben, einem hohen Zaun und Stacheldraht".

Wer wird da beschützt? Die Bevölkerung vor dem AKW oder das AKW vor der Bevölkerung? Schützt uns der Wassergraben (mit oder ohne Krokodile) vor der austretenden Strahlung?

"....bislang nicht erklärbare Häufung von Krebserkrankungen in einem Nachbarort".

"Man versucht, sich seine Neutralität zu bewahren".

"....sich voraussichtlich einen anderen Altersruhesitz suchen.
Die AKW in der Nachbarschaft geben bei dieser Entscheidung aber nicht den Ausschlag".


Na dann immer weiter so nach dem Motto: "Den Sand nicht in den Kopf stecken".

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