Ärzte Zeitung online, 30.03.2011

Fukushima: Greenpeace fordert größeres Sperrgebiet

TOKIO (dpa). Der Kampf gegen den Super-GAU in der Atomruine von Fukushima zermürbt die Arbeiter. Zugleich werden immer höhere radioaktive Dosisleistungswerte gemessen.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte am Mittwoch die Ausweitung der Sicherheitszone um das Kernkraftwerk Fukushima. Experten der Organisation stellten erhöhte Dosisleistungswerte nördlich von Fukushima fest.

Im Meerwasser vor dem Unglücksreaktor wurde eine sehr hohe Konzentration von radioaktivem Jod entdeckt. Die Radioaktivität habe das 3355-Fache des zulässigen Wertes erreicht, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch.

Japans Ministerpräsident Naoto Kan bezeichnete die Entwicklung als "unvorhersehbar". Kan und der US-Präsident Barack Obama wollen bei der Bekämpfung der Krise eng zusammenarbeiten.

Die Einsatzkräfte versuchen unter kaum erträglichen Bedingungen, das AKW zu kühlen. Nach Experten-Einschätzung kann es Monate dauern, bis eine Kernschmelze endgültig abgewendet ist.

Greenpeace-Messungen zeigten in dem 7000-Einwohner-Ort Iitate, 40 nordwestlich des Kraftwerks, eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Mikrosievert pro Stunde (µSv/h). Um Tsushima seien sogar 100 µSv/h gemessen worden. Das teilte die Organisation am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Tokio mit.

Jan van de Putte, Strahlenexperte von Greenpeace: "Es ist für die Menschen eindeutig nicht sicher, in Iitate zu bleiben, vor allem für Kinder und schwangere Frauen. Sie könnten die maximal zulässige jährliche Strahlendosis in nur wenigen Tagen abbekommen."

Die japanische Regierung hat bisher eine 20 Kilometer-Evakuierungszone um das Atomkraftwerk errichtet.

Die US-Regierung erwartet indes nur eine langsame Stabilisierung der Lage. "Derzeitige Informationen lassen vermuten, dass die Reaktoren sich langsam von dem Unfall erholen", sagte der designierte Vize-Energieminister Peter Lyons am Dienstag vor einem Ausschuss des Senates in Washington.

Nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA ist die Lage in Fukushima weiter sehr ernst. Der Nachweis von Plutoniumspuren in Bodenproben aus der Umgebung des Atomkraftwerks könnte darauf hindeuten, dass eine "sehr kleine Menge" des hochgiftigen Transurans aus der Atomruine freigesetzt worden sein könnte.

Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima sind zunehmend ausgebrannt und ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst.

Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung "Asahi Shinbun". Zwar gingen die Einsatzkräfte immer wieder in die zerstörten Reaktorblöcke, um die Reaktoren zu kühlen und einen Super-GAU zu verhindern, doch seien die Arbeiter angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser.

Man achte darauf, dass Tepco die Spezialisten nicht zu hohen Risiken aussetze, sagte der Manager, der namentlich nicht genannt wurde.

Sorgen bereitet derzeit auch das Wetter. Am Mittwoch werde der aufs Meer wehende Wind seine Richtung ändern. Dann tragen Böen die radioaktiven Partikel aus Fukushima in Richtung der Millionen-Metropole Tokio.

"Dort steigt die Konzentration folglich an, allerdings deutlich verdünnt gegenüber der Ausgangsregion", sagte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach vorher. Am Donnerstag werde der Wind seine Richtung aber wieder Richtung Meer ändern.

Ein weiteres ungelöstes Problem ist das strahlende Wasser in der Atom-Ruine. Zwar ist das Wasser im Keller des Fukushima-Reaktors 1 deutlich zurückgegangen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo vom Mittwoch sank der Wasserstand auf die Hälfte.

Eine Hauptaufgabe der Einsatzkräfte ist das Abpumpen des gesamten verseuchten Wassers, doch die Arbeiter wissen derzeit nicht, wohin mit der hochgiftigen Flüssigkeit aus Block 2 und 3, wie Kyodo meldete.

Es fehlte an Tanks. Der französische Atomkonzern Areva wird fünf Nuklear-Experten ins Krisengebiet schicken. Sie sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen.

Angesichte der Energieknappheit erwägt die japanische Regierung die Einführung der Sommerzeit, damit große Unternehmen Energie sparen. Bisher hatte das Land die Sommerzeit nicht eingeführt.

Nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe musste Tokio den Strom in einigen Regionen zeitweise abschalten. Experten befürchten eine anhaltende Energieknappheit.

Der Chef des japanischen Atom-Konzerns Tepco, Masataka Shimizu, musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Tepco betreibt das Unglückskraftwerk Fukushima. Nach Angaben von Kyodo vom Mittwoch litt Shimizu an Bluthochdruck und Schwindelgefühlen.

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[30.03.2011, 13:39:20]
Dr. Joachim Malinowski 
Japan und sein Umgang mit der AKW-Katastrophe - ein Lehrstück für uns alle!
"...Japans Ministerpräsident Naoto Kan bezeichnete die Entwicklung als "unvorhersehbar"...".

Ich finde den Mann schon "bemerkenswert", wie er jeden Tag im TV mit unbewegter Miene (seine Haarsträne mal links, mal anders) unbeirrt Verharmlosungen ausspricht. Ist er sich eigentlich bewusst, wie Kernenergie funktioniert?

"...Man achte darauf, dass Tepco die Spezialisten nicht zu hohen Risiken aussetze, sagte der Manager, der namentlich nicht genannt wurde...".
"...Die Arbeiter in dem Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima sind zunehmend ausgebrannt und ihre Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden wächst...".

Klartext: ausgebrannte = verstrahlte Arbeiter sind nicht so schlimm und können geopfert werden, Spezialisten sollen geschont werden.

"...Sorgen bereitet derzeit auch das Wetter. Am Mittwoch werde der aufs Meer wehende Wind seine Richtung ändern. Dann tragen Böen die radioaktiven Partikel aus Fukushima in Richtung der Millionen-Metropole Tokio...".
Ob die in Tokio genauso duldsam reagieren, wenn die radioaktive Wolke auf sie zukommt?


"...Der französische Atomkonzern Areva wird fünf Nuklear-Experten ins Krisengebiet schicken. Sie sollen die japanischen Arbeiter dabei unterstützen, das radioaktiv verseuchte Kühlwasser aus den teilweise zerstörten Reaktorblöcken herauszupumpen...".

Was wollen die da tun? Das ist doch vollkommener Schwachsinn. Um ein paar Pumpen zu bedienen (die vermutlich noch nicht einmal in ausreichender Menge vorhanden sind), sollte es doch keiner Spezialisten bedürfen. Gleichwohl begrüße ich es, das selbige die Katastrophe auf sich vor Ort "einwirken" lassen. Vielleicht hilft das beim dringend einzuleitenden Lernprozess für unser Europa, wo doch Frankreich zur atomkraftgläubig ist.


"...Der Chef des japanischen Atom-Konzerns Tepco, Masataka Shimizu, musste in ein Krankenhaus gebracht werden. ... Nach Angaben von Kyodo vom Mittwoch litt Shimizu an Bluthochdruck und Schwindelgefühlen...".

Der tut mir echt schon leid. Normalerweise müsste er nach Japanmodus Seppuku (ritualisierte Art des männlichen Suizids) begehen.
Nur nützt das auch niemanden mehr. Vielleicht doch mal mit Umdenken versuchen, anstatt sich so oder so der Verantwortung zu entziehen?!

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