Ärzte Zeitung online, 06.04.2011

Leck an Atomruine Fukushima gestopft

TOKIO (dpa). Kleiner Hoffnungsschimmer im japanischen Katastrophen-Kraftwerk: Wie mehrere heimische Medien berichten, haben die Arbeiter in der Atomruine Fukushima ein gefährliches Leck abgedichtet. Der Kampf gegen den Super-GAU geht indes weiter.

Leck an Atomruine Fukushima gestopft

Ein Problem weniger in Fukushima Eins: Ein Leck ist abgedichtet. Zuvor war radioaktiv belastetes Wasser auch ins Meer gelaufen.

© dpa

Den Berichten zufolge fließt durch den Riss in der Betonwand eines Kabelschachtes nun kein radioaktiv verseuchtes Wasser mehr in den Pazifik. Dass das Leck gestopft worden ist, gilt als Erfolg. Unklar ist aber, ob die Abdichtung mit sogenanntem Wasserglas halten wird und ob es weitere Lecks im Kraftwerk gibt.

Die Folgen der Strahlenbelastung für das Ökosystem im Pazifik dürften erst nach und nach zutage treten.

Auch an den Reaktoren selbst ist die Lage offenbar noch immer schwierig. Um weitere Explosionen zu verhindern, will der Betreiber Tepco Stickstoff in einen Meiler leiten.

Gefahr von Wasserstoff im Reaktorgebäude

Wie die japanische Zeitung "Yomiuri Shimbun" unter Berufung auf das Unternehmen berichtete, soll damit voraussichtlich am Mittwochabend begonnen werden. Es bestehe die Gefahr, dass sich durch die beschädigten Brennstäbe Wasserstoff im Reaktorgebäude angesammelt habe. Solcher Wasserstoff hatte schon zu Beginn der Krise zu Explosionen geführt.

Obwohl der Kampf gegen das Wasser Fortschritte macht, wollen Experten noch keine Entwarnung geben. Die japanische Atomaufsicht habe Tepco angewiesen, zu beobachten, ob das Leck wirklich dicht ist und das verseuchte Wasser nicht anderswo ausläuft, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Der Physiker Volker Erbert äußerte sich kritisch. "Dicht sein und dicht bleiben ist ein Unterschied", sagte er im ZDF. Die Masse kann zum Beispiel spröde werden. In sehr heißer Umgebung sei es auch möglich, dass ausgehärtetes Flüssigglas wieder zu schmelzen beginne.

6000 Liter Flüssigglas an acht Stellen eingegossen

52 Arbeiter hatten rund 6000 Liter des Mittels auf der Basis von Flüssigglas in einem langen Nachteinsatz an acht Stellen im Bereich des betreffenden Schachts gegossen. Zuvor waren Versuche gescheitert, das Leck mit Zement oder mit anderen chemischen Bindemitteln zu stopfen.

Um die Gefahr neuer Löcher einzudämmen, erwägt der Betreiber, die Abwasserzugänge mit Stahlplatten zu versperren. Die jetzt gestopfte, undichte Stelle befindet sich nicht am Reaktor selbst, sondern an einem Schacht an einem Turbinengebäude.

Das stark verseuchte Wasser, das tagelang aus dem Riss gesprudelt war, stammt nach Einschätzung von Tepco aus Reaktor 2. Dort gab es an den Brennstäben eine vorübergehende Kernschmelze.

Das Abwasser sammelte sich später in dem Turbinengebäude von Reaktor 2 sowie in angeschlossenen Untergrundschächten, die bis in die Nähe des Ufers reichen.

Strahlung im Ozean ist stark erhöht

Auch in anderen Teilen der Atomanlage steht noch viel Wasser, das zur Kühlung in die Gebäude gespritzt worden war. Um Platz für die hochgradig verseuchte Brühe zu schaffen, leitet Tepco seit Montag 11.500 Tonnen anderes, schwach verstrahltes Wasser ins Meer.

Die Strahlung im Ozean ist an einigen Messpunkten nahe der Anlage stark erhöht. Bei einer Untersuchung war am vergangenen Samstag eine Konzentration von Jod-131 gemessen worden, die um das 7,5 Millionenfache über dem gesetzlichen Grenzwert lag.

Verstrahlung von Speisefischen zeigt sich in Wochen oder Monaten

Wie sich der aktuelle Zufluss von radioaktivem Wasser weit draußen auf dem Meer auswirke, werde sich erst in etwa zehn Tagen zeigen, sagte der Sprecher des Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts, Michael Welling, der Nachrichtenagentur dpa. Die Experten betonen regelmäßig, dass sich die Radioaktivität im Meer stark verdünnt.

Ein japanisches Forschungsschiff nimmt rund 30 Kilometer von der Küste entfernt Proben. Dort seien die Messewerte in den vergangenen Tagen wieder rückläufig gewesen, sagte der Experte.

Bis zu einer möglichen Verstrahlung von Speisefischen weit draußen auf dem Ozean könnten seiner Einschätzung nach noch Wochen oder sogar Monate vergehen. Sie stünden weit oben in der Nahrungskette und nähmen die Belastung weniger über das Wasser, sondern vielmehr über ihre Nahrung auf, sagte Welling.

Entschädigungsfond für Opfer angedacht

Mit Blick auf die Opfer der Atomkatastrophe denkt Tepco über einen Entschädigungsfonds nach. Wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press am Mittwoch meldete, würden sich sowohl der Betreiber als auch der Staat daran beteiligen.

Wie viel Geld die Opfer am Ende bekommen könnten, wird noch geprüft. Es sind nicht nur die Bewohner der Risikozone um das AKW betroffen, sondern auch Landwirte und Fischer. Auch Firmen erlitten enorme Schäden.

In der Stadt Fukushima seien am Mittwoch mehrere Kinder aus der Evakuierungszone in für sie neue Grundschulen eingeschult worden, meldeten lokale Medien.

Sie lebten ursprünglich innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone nahe der Atomruine Fukushima Eins. Seit Beginn der Erdbeben-Katastrophe vom 11. März hausen sie in Flüchtlingslagern.

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