Ärzte Zeitung online, 05.08.2011

Fünf Monate nach dem Tsunami: Japan hofft trotz Trümmern

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat weltweite Aufmerksamkeit erregt. Sie ist aber nicht die einzige gravierende Folge von Erdbeben und Tsunami vor fünf Monaten. Mühsam bauen die Japaner in den überschwemmten Gebieten ihre Heimat wieder auf.

Von Lars Nicolaysen und Wolfgang Büchner

Fünf Monate nach dem Tsunami: Japan hofft trotz Trümmern

Zerstörung und Trümmer prägen fünf Monate nach dem Erdbeben und Tsunami noch immer das Stadtbild im japanischen Sendai.

© dpa

SENDAI/ISHINOMAKI. Das Eisengeländer zum Kindergarten neigt sich grotesk verformt zur Seite. Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste liegen aufgeschichtet zu einer Müllhalde.

Eine längst verkrustete Schlammspur zieht sich an der Wand der Treppe entlang. "Bis hier her kam der Tsunami", erklärt Jun Umenai. "Die Kinder, die zu dem Zeitpunkt hier waren, retteten sich nach oben. Wer eher nach Hause ging...".

Der Beamte der Stadtverwaltung von Sendai beendet den Satz nicht. Mehr als 700 Menschen kamen an jenem 11. März in Sendai ums Leben.

Überall Bauarbeiter, die Trümmer beseitigen

Heute, fünf Monate danach, ist im Westen meist nur noch von der Atomkatastrophe in Fukushima die Rede. Dabei sind die Zerstörungen, die das Erdbeben und der Tsunami an Japans Küste anrichteten, weiterhin sichtbar. Der Wiederaufbau geht indes voran.

Überall entlang der Küste vor den Toren Sendais sind Bauarbeiter mit Baggern und Lastwagen dabei, Abschnitt für Abschnitt weitere Trümmer zu beseitigen. Was der Tsunami übrig ließ, steckt oft in großen weißen Säcken, mitten auf geräumten, planierten Feldern.

Hier standen bis vor fünf Monaten noch prächtige Häuser. Die Menschen, die hier einst lebten, kamen in Flüchtlingslagern in der Stadt unter. Die meisten werden nie wieder hierher zurückkehren.

Äcker geplant, wo früher Häuser standen

"Wegen der Gefahr neuer Tsunami planen wir, hier jetzt Äcker anzulegen", erläutert Umenai, während im Hintergrund eine Familie in den Ruinen ihres Hauses aufräumt. "Manche Leute hier sind schwer davon zu überzeugen, dass es besser ist, nicht mehr hier zu leben", seufzt der Beamte.

In den ersten Tagen nach dem Tsunami kamen mehr als 105.000 Bewohner, ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Sendais, in Schulen und anderen Flüchtlingslagern der Stadt unter. Jetzt, fünf Monate später, konnten Umenai und seine Kollegen gerade die letzte Notunterkunft schließen - ein weiteres Zeichen des voranschreitenden Wiederaufbaus, das Hoffnung macht.

Rund 900 Haushalte kamen in Behelfshäusern unter, die meisten jedoch, rund 9000 Menschen, konnten in richtigen Wohnungen untergebracht werden.

Auch die sozialen Gemeinschaften wurden zerstört

Damit ist es jedoch nicht getan. Denn der Tsunami hat nicht nur die Häuser der Menschen zerstört, sondern auch ihre sozialen Gemeinschaften. Daher hat die Stadtverwaltung in diesen Tagen ein weiteres Projekt begonnen, die auf einzelne Wohnungen verteilten Opfer der Katastrophe der Reihe nach regelmäßig zu besuchen.

"Wir können jedoch erst mal nur mit 1500 beginnen", so Umenai. "Die Menschen sollen wissen, dass sie nicht allein sind".

Sendai hatte noch Glück im Unglück. Dank eines Walls, auf dem eine Autobahn entlang führt, blieb der Stadtkern von der mörderischen Flutwelle verschont. Die Infrastruktur und die Verwaltung blieben intakt.

"Deswegen geht der Wiederaufbau bei uns auch verhältnismäßig schnell voran", erklärt Umenai auf der Fahrt durch die heute fast menschenleeren Gebiete vor den Toren der Stadt, wo Arbeiter und Helfer dabei sind, Schutt abzutragen und Straßen und Bürgersteige zu waschen. Mit Handschuhen, Bürsten und Putzeimern machen sie sich auch in Tempeln daran, Grabsteine wieder zu säubern.

Obere Erdschicht musste abgetragen werden

Fünf Monate nach dem Tsunami: Japan hofft trotz Trümmern

Da die Flutwelle große Mengen Meersalz angespült hat, musste die obere Erdschicht abgetragen werden. Nach der Sanierung soll nahe der Küste wieder ein Park entstehen.

"Diesmal werden wir jedoch noch mehr Hügel anlegen, damit sich Besucher im Notfall darauf retten können", sagt Umenai. Das ist eine der Lehren aus der Katastrophe.

An der Fassade einer Grundschule, vor der Auto- und Motorradwracks in allen erdenklichen Formen der Zertrümmerung aufgereiht liegen wie Leichensäcke im Krieg, hängt ein von Kindern gemaltes Plakat mit der Aufschrift: "Takusan no chikara arigatou, Danke für die viele Kraft".

Umenai glaubt, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern dürfte, bis die Trümmer in den Überschwemmungsgebieten von Sendai vollständig beseitigt sind und der eigentliche Wiederaufbau beginnen kann.

"Wir wollen uns noch mehr beeilen, damit wir anderen Orten, die es noch viel schlimmer als uns getroffen hat, beim Wiederaufbau helfen können", erklärt Umenai.

Ishinomaki wirkt wie ein Kriegsschauplatz

Orte wie Ishinomaki. Die Hafenstadt, die bis zur Katastrophe vom Fischfang und der Papierindustrie lebte, gleicht auch fünf Monate danach noch immer einem Kriegsschauplatz. Die Flutwelle hat alles niedergerissen und fortgespült, was ihr in den Weg kam.

Einzelne ausgebrannte Ruinen säumen die Straße. An einem Tempel liegen die Grabsteine durcheinandergewürfelt. Kinderpuppen lugen dazwischen hervor wie stumme Zeugen der Apokalypse.

Nahe einer Fischverarbeitungsfabrik hängt der Geruch von Massen an vergammelten Fischen in der Luft, die der Tsunami vor fünf Monaten aus den Lagerhallen gespült hat und die noch immer unter den Trümmern liegen. Dennoch lassen sich die Menschen nicht entmutigen.

Wer durch die Überschwemmungsgebiete fährt, sieht inmitten der Verwüstungen überall Japaner, die sich mit unerschütterlichem Durchhaltewillen daran machen, ihre alte Heimat Stück für Stück von den Trümmern zu befreien und wiederaufzubauen.

"Wir schaffen das!"

"Seit der Tsunami unsere Konditorei fortgerissen hat, bin ich arbeitslos", erzählt der 43-jährige Katsumi Hanzawa in der Zeitung "Asahi Shimbun". Für Frau und Kind sei er bereit, jede Art von Arbeit anzunehmen, erklärt der Konditor.

Japaner wie er wollen nicht aufgeben. Vor einem Schild mit der Aufschrift "Lasst uns uns anstrengen in Ishinomaki" hat jemand mit großen weißen Schriftzeichen auf den Boden geschrieben: "Wir schaffen das!" (dpa)

Zum Special "Katastrophe in Japan"

Topics
Schlagworte
Japan (438)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So viel jünger und attraktiver macht Facelifting

Wer sein Gesicht straffen lässt, will in der Regel jünger und dynamischer aussehen. Das scheint tatsächlich zu klappen. mehr »

Niedrig dosiert starten und langsam erhöhen!

Die neue Gesetzeslage zur Verordnung von Cannabis auf Kassenkosten ist beim Schmerz- und Palliativtag begrüßt worden. Ärzte mit Erfahrung mit Cannabinoiden loben vor allem den Erhalt der Therapiefreiheit. mehr »

Obamacare bleibt!

Blamage für US-Präsident Donald Trump: In letzter Minute zogen die Republikaner die Abstimmung über die geplante Gesundheitsreform zurück. Gerade auch, weil die Zustimmung aus den eigenen Reihen fehlte. mehr »