Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Radioaktives Cäsium hat Japans Osten weiter im Griff

Radioaktives Cäsium hat Japans Osten weiter im Griff

Mit 1000 Megabecquerel und mehr sind die Böden je Quadratkilometer verstrahlt, so eine Studie.

TOKIO (dpa). Der Boden in weiten Teilen Ost- und Nordostjapans ist in Folge des Atomunfalls in Fukushima mit radioaktivem Cäsium 137 stark verseucht worden.

Dies ist das Ergebnis einer Studie, die in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlicht wurde.

Gewaltige Mengen Radioaktivität waren freigesetzt worden, nachdem am 11. März dieses Jahres ein Erdbeben der Stärke 9,0 den Nordosten Japans erschüttert und einen verheerenden Tsunami ausgelöst hatte.

Cäsium 137 mit einer Halbwertzeit von 30,1 Jahren ist besonders gefährlich, da es auf Jahrzehnte Auswirkungen auf die Landwirtschaft und das Leben der Menschen in den betroffenen Gebieten hat.

Abschätzung für alle Präfekturen

Die Forscher um Tetsuzo Yasunarie von der Universität in Nagoya hatten für den Zeitraum vom 20. März bis 19. April aus meteorologischen Daten täglich die Werte eingetragenen Cäsium 137 für alle japanischen Präfekturen abgeschätzt.

In den Tagen davor seien die kontaminierten Luftmassen zum größten Teil auf den Pazifischen Ozean geweht worden.

Der Analyse nach wurden vor allem die Böden in weiten Gebieten im Osten und Nordosten des Inselreiches mit Cäsium 137 verseucht.

Höhere Aktivität um die AKW

Der Westen des Landes sei von den Bergen weitgehend vor stärkerer Kontamination geschützt worden.

In den meisten östlichen Gebieten seien die Böden mit mehr als 1000 Megabecquerel pro Quadratkilometer verstrahlt worden.

In den Präfekturen nahe des Kernkraftwerks lägen die Werte sogar bei mehr als 10.000 bis mehr als 100.000 Megabecquerel, schreiben die Forscher.

In Becquerel wird die Stärke der Radioaktivität angegeben, gemessen wird der Zerfall von Atomen pro Sekunde.

Grenzwerte in Fukushima überschritten

Aus den Werten errechneten die Wissenschaftler die Daten für die Kontamination des Bodens pro Kilogramm.

Der Grenzwert der Belastung mit Cäsium 134 und Cäsium 137 für landwirtschaftlich genutzte Flächen liege in Japan bei 5000 Becquerel je Kilogramm Boden.

Davon ausgehend, dass die Hälfte der Gesamt-Cäsium-Belastung auf Cäsium 137 entfalle, liege der Wert in der Präfektur Fukushima über dem Grenzwert, in Miyagi, Tochigi und Ibaraki zum Teil nur knapp darunter.

In diesen drei Präfekturen seien unbedingt detaillierte Messungen nötig, da die Kontamination lokal stark schwanken könne.

Weitere Messungen notwendig

In weiten Teilen des Landes lägen die Werte bei über 100 Becquerel pro Kilogramm Boden, in den westlichen Regionen bei etwa 25 Becquerel pro Kilogramm.

Nun müssten regional weitere, direkte Messungen folgen, da die Werte lokal viel variabler seien, als mit dem meteorologisch basierten Modell berechnet werden könne.

Die erstellten Karten könnten aber ein erstes Hilfsmittel für Dekontaminations-Maßnahmen und die Planung weiterer Analysen sein.

Nutzung der Böden einschränken

Die Beseitigung mit Cäsium 137 verseuchter Böden sei eine "dringende Aufgabe", so die Forscher. Wo ein Abtragen des Bodens nicht möglich sei, müsse die Nutzung der Flächen eingeschränkt werden.

In einer weiteren Studie analysierten Forscher um Norikazu Kinoshita vom Institut für Technologie der Shimizu Corporation in Tokio die Verbreitung mehrere radioaktiver Elemente in japanischen Gebieten.

Auch ihre Daten sind in "PNAS" veröffentlicht. Die Forscher kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass sich die Werte lokal erheblich unterscheiden können - abhängig von geologischen Gegebenheiten wie Hügelketten oder regional begrenzten Luftströmen.

Daiichi noch immer nicht unter Kontrolle

Noch immer arbeiten Mitarbeiter des AKW-Betreibers Tepco daran, die Lage im havarierten Kraftwerk Fukushima Daiichi wieder vollständig unter Kontrolle zu bringen.

Das Gebiet um die Atomruine wird möglicherweise auf lange Sicht unbewohnbar bleiben. Aus den Reaktoren 1, 2 und 3 traten im September nach Angaben der Regierung noch maximal 200 Millionen Becquerel pro Stunde an radioaktiven Substanzen aus. Einen Monat zuvor waren es noch eine Milliarde Becquerel.

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