Ärzte Zeitung, 11.03.2013

Dr. Mitsuru Saito

Neustart mit Bootsführerschein

Er wollte weg von der Op-Routine als Neurochirurg und ging an das Krankenhaus in Onagawa, um als Allgemeinarzt zu arbeiten. Doch die Dreifachkatastrophe von Nordjapan am 11. März 2011 veränderte das Leben von Dr. Mitsuru Saito.

Von Sonja Blaschke

Dr. Mitsuru Saito

Neustart inklusive Bootsführerschein

© Sonja Blaschke

Werdegang: Werdegang: Medizinstudium an der privaten Jichi Medical University in Tochigi (Präfektur Fukushima). Nach der Arbeit als Neurochirurg an der dortigen Klinik Wechsel als Allgemeinarzt an das RegionalKrankenhaus Onagawa..

ONAGAWA. Für Dr. Mitsuru Saito war der Ruf ans Krankenhaus Onagawa im Osten der Präfektur Miyagi ein willkommener Neubeginn.

Der 48-jährige Neurochirurg, der nach seinem Studium an der privaten Hochschule Jichi Medical University in Tochigi in der Nachbarpräfektur Fukushima gearbeitet hatte, wollte raus aus der Operationsroutine: "Die Patienten wurden eingeliefert, ich operierte sie, sie wurden entlassen. Und dann ging es wieder von vorne los."

Das genügte ihm nicht. "Ich möchte die Menschen besser kennenlernen und über eine lange Zeit begleiten", erklärt Saito seine berufliche Wende zum Allgemeinmediziner.

Weil in Onagawa plötzlich ein Arzt fehlte, trat Saito ein Jahr vor dem Jahrhundert-Tsunami am 11. März 2011 seinen Dienst in der Ambulanz im Erdgeschoss an.

Fast zwei Meter unter Wasser

Obwohl die Klinik 16 Meter über dem Meer auf einer Anhöhe liegt, setzte der Tsunami das Erdgeschoss fast zwei Meter unter Wasser. Vier Menschen starben dort.

Neben Geräten und Medikamenten wurden viele Patientenakten vernichtet. Gut ein halbes Jahr lang fand die Sprechstunde in einem Konferenzraum und im Rehabilitationszentrum eine Etage höher statt, die über eine Außentreppe zugänglich sind.

Im November 2011 konnte die Ambulanz ihre Arbeit im bis dahin notdürftig renovierten Erdgeschoss wieder aufnehmen. Mittlerweile strahlen alle Wände wieder weiß - bis auf eine Stelle im Treppenhaus, wo die Schmutzlinie des Tsunami bewusst nicht überstrichen wurde.

Die ehemals städtische Klinik gehört seither zu einem Netzwerk von Regionalkrankenhäusern, der Japan Association for the Development of Community Medicine (JADECOM).

Ermöglicht wurde die schnelle Renovierung durch Spenden in Höhe von umgerechnet 17 Millionen Euro aus der Schweiz: von der Spendensammelorganisation "Glückskette", dem Roten Kreuz und der Caritas Schweiz im Verbund mit Caritas Deutschland.

Die Umsetzung vor Ort übernahmen das japanische Rote Kreuz und die örtlichen Behörden.

Erde bebt fast täglich

Im ersten Stock ist eine Krankenstation mit 19 Betten, im zweiten und dritten ein Altersheim mit 100 Betten, das vorher in einem anderen Flügel war. Dort wohnen heute in den oberen Stockwerken ältere Leute, die sich noch selbst versorgen können.

Im Erdgeschoss des zweiten Flügels wurden eine Sozialstation und eine Familienberatung eingerichtet. Über Spenden wurde auch das Boot finanziert, das das mobile Ärzteteam nach Izushima bringt. Saito machte extra seinen Bootsführerschein, überlässt das Steuer aber gerne anderen.

"Ein Boot zu lenken ist leider nicht wie Autofahren", gibt er lachend zu.

Bei der Inselsprechstunde geht es weniger um Effizienz, als vielmehr darum, "den Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit zu geben". Ob die werktägliche medizinische Versorgung bis 2011 mittelfristig eine Zukunft gehabt hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Noch immer bebt die Erde fast täglich in Nordjapan. Saito berichtet, dass von nun an zu Testzwecken hin und wieder Gas und Strom im Krankenhaus abgestellt würden, um seine Notfalltauglichkeit zu prüfen.

Man wolle außerdem nicht nur "normale" Lebensmittel auf Vorrat lagern, sondern auch spezielle Nahrung für schwer kranke Patienten.

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