Ärzte Zeitung, 06.08.2015

Hiroshima und Nagasaki

Gegen die "Wellen des Todes" waren Ärzte machtlos

Vor 70 Jahren sind über Hiroshima und Nagasaki Atombomben abgeworfen worden. Die medizinischen Folgen sind bis heute spürbar. Jetzt zieht Japan eine Bilanz.

Von Sonja Blaschke

Gegen die "Wellen des Todes" waren Ärzte machtlos

Zerstörung in Hiroshima nach Abwurf der Atombombe im August 1945.

© picture alliance / akg-images

HIROSHIMA/NAGASAKI. Der Morgen des 6. August 1945 sollte die Welt verändern: Aus dem Bomber "Enola Gay" der US-Luftwaffe wurde die Atombombe "Little Boy" über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen. Am 9. August wurde aus der "Bockscar" die "Fat Man" genannte, zweite Atombombe über der Mitsubishi-Waffenfabrik in Nagasaki abgeworfen.

Wenige Tage später kapitulierte der Tenno und der Zweite Weltkrieg war auch in Asien vorbei. 70 Jahre nach dieser apokalyptischen Erfahrung zieht Japan Bilanz - auch in Hinsicht auf die medizinischen Folgen für die Bevölkerung.

Im Umkreis von über zwei Kilometern brannte in Nagasaki direkt nach dem Abwurf der Atombombe alles nieder. Wer weniger als einen Kilometer vom Hypozentrum entfernt war, starb in über 90 Prozent der Fälle. Die Wucht der Explosion machte selbst erfahrene Ärzte fassungslos.

"Konzentrische Kreise des Todes, konzentrische Kreise des Teufels", habe er damals gemurmelt, erinnert sich Dr. Tatsuichiro Akizuki, während er sich eine Karte der Stadt vorstellte. Auf einer Tafel im örtlichen Atombombenmuseum sind die Erinnerungen des damals 29-Jährigen vermerkt.

"Heute starben Leute, die in Häusern bis zu diesem Umkreis lebten. Als ich das sah, dachte ich, ich könne wohl annehmen, dass morgen die, die 100 Meter weiter den Hügel hinauf lebten, sterben würden." Akizuki selbst war damals in einem Krankenhaus nur 1,4 Kilometer nordöstlich des Hypozentrums beschäftigt.

Erschöpfung und Durchfall

Die "Wellen des Todes" schienen bald auch die scheinbar nur leicht Verletzten zu ereilen. Unruhig fragte Akizuki seine Kollegen und Patienten, ob ihnen das Haar ausgehe. Alle verneinten. Aber sie waren extrem erschöpft und litten an Durchfall - eines der typischen akuten Symptome des Atombombenabwurfs.

Insgesamt kamen laut einer japanischen Studie von 1950 durch den Abwurf der Atombombe auf Nagasaki rund 74.000 Menschen bis Ende 1945 ums Leben, was etwa jedem dritten Einwohner entsprach. Weitere 75.000 Menschen wurden verletzt. In Hiroshima lag alleine die Zahl der Toten im gleichen Zeitraum bei rund 140.000.

Ende März 2015 lag das Alter der staatlich registrierten "Hibakusha" erstmals bei über 80 Jahren. Hibakusha ist der japanische Begriff für Überlebende der Atombombenabwürfe. Ihre Zahl fiel nach diesjährigen Angaben des Gesundheitsministeriums auf ein Rekordtief von 183.519 Betroffenen.

Die Statistiken basieren auf Umfragen in allen 47 Präfekturen, das heißt, erfasst sind ausschließlich japanische Opfer oder die anderer Nationalitäten, die noch in Japan leben. Vor 70 Jahren waren mehrere Tausend ausländischer Zwangsarbeiter in den beiden Städten, vor allem Koreaner und Chinesen, als die Bomben fielen.

Winde von 170 Metern je Sekunde

Wer in jenen Schicksalssekunden in Nagasaki näher als einen Kilometer am Hypozentrum war und nicht innerhalb eines Gebäudes, war in vielerlei Hinsicht chancenlos. Die Wucht des Windes pulverisierte alle Gebäude in der Nähe des Hypozentrums.

Während es die stärksten Taifune auf 80 Meter pro Sekunde bringen, erreichten die Winde der Atombombe 170 Meter pro Sekunde. Noch zwölf Kilometer entfernt brachen Fensterscheiben.

Hinzu kam die Hitzewelle, die unmittelbar am Hypozentrum die menschlichen Körper verkohlte und ihre Körperflüssigkeiten zum Verdampfen brachte. Die Todesrate unter den Opfern mit Verbrennungen lag nach Daten des Atomic Bomb Disease Institute der Universität Nagasaki, das seit über 50 Jahren zu den Folgen der Atombombenabwürfe auf Nagasaki und Hiroshima, aber auch zu den Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima forscht, bei 96,7 Prozent innerhalb eines Radius von einem Kilometer vom Explosionszentrum.

Aber noch über drei Kilometer entfernt spürten die Menschen die Hitzewelle. Im Atombombenmuseum in Nagasaki ist das Gewand eines buddhistischen Mönches ausgestellt: Während die hellen Stoffteile weitgehend unversehrt blieben, waren die dunklen Stoffteile recht zerfetzt, da dunkle Farben Hitze besser aufnehmen als helle und so leichter brennen.

96,9 Prozent der Opfer in einem Kilometer Entfernung vom Hypozentrum starben an verschiedenen äußeren Verletzungen, etwa durch herumfliegende Trümmer. Aber bei 94,1 Prozent der Toten im gleichen Umkreis fand man keine sichtbaren Verletzungen.

Dies deutet auf den Effekt der radioaktiven Strahlung auf den menschlichen Körper hin. Eine Dosis von sieben Sievert gilt für den Menschen als sofort tödlich.

Symptome ändern sich im Zeitverlauf

Aber schon bei deutlich weniger Strahlung kann die Strahlenkrankheit auftreten. Patienten berichten wenige Tage nach der Explosion von Haarausfall, subkutanen Blutungen, Ödemen, starkem Durchfall und blutigem Stuhl.

Vier Monate später begannen sich bei vielen Opfern mit Brandverletzungen an Armen und Beinen Keloide zu entwickeln. Besonders auffällig wurde ihr Auftreten zwischen sechs und 14 Monate nach der Strahlenexposition. Forscher vermuten dahinter den Einfluss der radioaktiven Strahlung als Ursache.

Etwa zehn Monate danach nahm die Zahl an Menschen zu, deren Augenlinse sich eintrübte. Während die Katarakt normalerweise erst im fortgeschrittenen Alter auftritt, befiel sie Hibakusha schon viel früher - vor allem, je näher sie am Hypozentrum gewesen waren.

Bis 1951 stieg die Zahl der an Leukämie-Fälle massiv an, danach sank ihre Zahl wieder ab.

Versorgungsstrukturen zerstört

Viele Krankenhäuser in Nagasaki wurden durch die Atombombe völlig zerstört. Eines der wenigen Gebäude, das noch stand, weil es aus stahlverstärktem Beton war, war das Nagasaki Medical College, 700 Meter südöstlich vom Hypozentrum.

Die Feuer in der Gegend vernichteten jedoch alles darum herum und ließen von dem Universitätskrankenhaus nur noch ausgebrannten Ruinen übrig.

1,4 Kilometer vom Hypozentrum entfernt wurde das relativ stabil aus Ziegeln gebaute Urakami First Hospital zerstört, an dessen Stelle heute das St. Francis Hospital steht. Erst riss es die Wucht der Explosion auseinander, dann gingen die Reste durch die Hitzewelle in Flammen auf.

2,8 Kilometer südöstlich vom Hypozentrum brannte die Mitsubishi Hospital Funatsu Clinic aus, als sich Feuersbrünste in der Nachbarschaft ausbreiteten. Mit den Krankenhäusern wurden zugleich viele Dokumente der Ärzte und Forscher vernichtet.

USA konfiszierten Patientendaten

Viele der medizinischen Aufzeichnungen über die Opfer der Bombe wurden von den US-amerikanischen Besatzungsmächten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konfisziert. Ein Zufall brachte 2011 in der Stadt Saga in der gleichnamigen Präfektur, 100 Kilometer von Nagasaki entfernt, Aufzeichnungen von 1945 ans Licht.

Darin sind 75 Patienten und ihre Behandlungen beschrieben - und zwar nicht nur auf Japanisch, sondern auch auf Deutsch. Dies war nach der Meiji-Restauration in Japan bis zur Kapitulation Japans die Pflichtsprache für japanische Ärzte im Studium.

Bei den meisten dieser Patienten waren die weißen Blutkörperchen stark zurückgegangen, Symptome waren hier Schmerzen am ganzen Körper, Fieber und Durchfall. Die Ärzte versuchten, sie hauptsächlich mit Bluttransfusionen und Vitaminspritzen zu behandeln.

 Trotzdem starb über die Hälfte der so therapierten Patienten. Die meisten hatten innerhalb des Radius von zwei Kilometern um das Explosionszentrum in den Waffenfabriken gearbeitet.

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