Ärzte Zeitung, 06.08.2015

Hiroshima und Nagasaki

Krebsforschung im Kampf gegen die Zeit

Bei den Überlebenden der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki von 1945 gibt es spezielle Verlaufsmuster bei onkologischen Erkrankungen. Dr. Masahiro Nakashima untersucht diese medizinischen Spätfolgen.

Von Sonja Blaschke

HIROSHIMA/NAGASAKI. Erkranken "Hibakusha", so werden auf Japanisch die Überlebenden der Atombombenabwürfe vom August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki genannt, an Krebs, so tun sie das mindestens zweimal in ihrem Leben an unterschiedlichen Stellen ihres Körpers - und zwar in einer bestimmten Reihenfolge.

Zu solchen Zusammenhängen forscht Dr. Masahiro Nakashima seit 25 Jahren am Atomic Bomb Disease Institute der Universität Nagasaki. Er hat sich auf die Erforschung der medizinischen Spätfolgen der Strahlenexposition spezialisiert, insbesondere auf die Tumorbildung.

Ein besonders großes Risiko trügen dabei Menschen, die damals jünger als zehn Jahre alt waren. Bei ihnen sei das Risiko, an Krebs zu erkranken, zehnmal so hoch wie bei der Normalbevölkerung, erklärt Nakashima im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Noch stärker habe sich die Strahlung auf Babys ausgewirkt, die im Bauch ihrer Mutter der Strahlung durch die Atombombe ausgesetzt waren, vor allem bis zur 16. Schwangerschaftswoche. Einige kamen mit einer Mikrozephalie auf die Welt, entwickelten sich verzögert und starben früher.

Erhöhtes Risiko bei Krebsvorstufen

"Drei Jahre nach der Atombombe steigen bei den Hibakusha die Fälle von Leukämie an, bis zehn Jahre danach", sagt Nakashima, "danach dominieren andere Formen von Krebs", erläutert er in puncto multipler Krebserkrankungen.

Man fand heraus, dass die radioaktive Strahlung nicht für jede Form von Krebs die gleiche Rolle spielt. "Zuerst tritt Schilddrüsenkrebs auf, später Lungen-, Brust- und Blasenkrebs", sagt Nakashima, "auf Bauchspeichel- und Gallenblasenkrebs wirkt sich die Strahlung jedoch nicht aus".

Auch das Risiko für Krebsvorstufen sei bei Hibakusha erhöht. Dazu gehöre zum Beispiel das myeliodysplastische Syndrom (MDS), bei dem blutbildende Zellen im Knochenmark beschädigt werden. Die Folge kann Leukämie sein. Daneben gibt es weitere Spätfolgen wie Arteriosklerose, ischämische Herzkrankheiten und ein schwächeres Immunsystem.

Dass manche Überlebende der Atombomben trotz der hohen Risikofaktoren relativ lange lebten, könne an drei Faktoren liegen, erläutert Nakashima. Zum einen werde Krebs bei vielen Hibakusha, die zweimal im Jahr auf Staatskosten zum Gesundheitscheck gehen können, schneller entdeckt.

Das steigere die Heilungschancen. Zum zweiten komme es darauf an, wo das Genom durch die Strahlung verletzt wurde. Passiere das an einer Stelle des Erbgutes, die mit Krebs in Zusammenhang stehe, erkranke die Person. Das Risiko in diesem Fall steige umso mehr, je häufiger diese Stelle durch die Strahlung verletzt wurde.

Drittens, und das sei noch Spekulation, könne es sein, dass sich bei manchen Überlebenden der Schaden am Erbgut durch die körpereigenen Kräfte repariere. Diese Fähigkeit sei wohl, so die Vermutung, bei jedem Menschen individuell ausgeprägt.

Keine Spätfolgen für Nachkommen

Viele Hibakusha sorgen sich, dass ihre Kinder ebenfalls einmal erkrankten. Nakashima betonte jedoch, dass sich die radioaktive Belastung der Mutter durch die Atombombe nach dem bisherigen Kenntnisstand nicht auf ihren Nachwuchs auswirke. Das habe eine groß angelegte Studie unter Tausenden von Nachkommen von Hibakusha ergeben, die auch nach Ende der Studie weiter beobachtet wurden.

Während Forscher anhand von statistischen Modellen erst ab 100 Millisievert pro Jahr einen messbaren Effekt der Strahlung auf den Körper nachweisen konnten, weiß niemand genau, wo der Schwellenwert bei niedrigerer Strahlung liegt.

Dass bei Kindern in Fukushima nach der Atomhavarie des Meilers Fukushima Daiichi im März 2011 nun mehr Schilddrüsenkrebs gefunden werde, führt Nakashima auf flächendeckendere Untersuchungen zurück.

Generell sage man, dass bei Kindern die Gefahr an Krebs zu erkranken, höher sei, weil sich ihre Zellen noch schneller teilen als etwa bei 40-Jährigen, bei denen es keinen Zusammenhang mehr zwischen Strahlung und Krebs gebe.

"Aber es ist nicht so einfach", räumt Nakashima ein. "Deswegen brauchen wir noch mehr Studien". Sein Institut bekomme zwar staatliche Unterstützung, "aber nicht genug".

Gewebeproben werden katalogisiert

Er und seine Kollegen befinden sich bei ihrer Forschung im Kampf gegen die Zeit. Denn die Zahl ihrer Forschungssubjekte, der Hibakusha, an deren Körpern sich die Auswirkung von Strahlung erforschen lässt, nimmt 70 Jahre nach den Atombombenabwürfen rapide ab.

Das Institut sammelt zu diesem Zweck Gewebeproben und katalogisiert sie in einer Datenbank. Wurden die Proben früher in Formalin konserviert, ermögliche ein Zuschuss des Wissenschaftsministeriums von 2008 nun, für einen begrenzten Zeitraum die Gewebeproben von über 500 Fällen einzufrieren.

Die größte Sorge bereite den Ärzten noch heute die innere Verstrahlung der Überlebenden der Atombombe, verdeutlicht Nakashima. Das sei eine indirekte Folge der Bombe, etwa durch den Genuss von Gemüse, das auf Erde wuchs, auf die radioaktiv belasteter Regen niederging.

Eine Gemeinde im Westen Nagasakis ist davon besonders betroffen. Aktuell werde bei den regelmäßigen, staatlich finanzierten Gesundheitschecks aber nur die direkte Strahlung berücksichtigt. Wenn die innere Verstrahlung in die Untersuchung mitaufgenommen würde, müsse die Regierung dafür "viel Geld" bezahlen, sagt der Arzt.

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"Deswegen brauchen wir noch mehr Studien",
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