Ärzte Zeitung online, 12.08.2008

Für medizinischen Rundum-Service der Olympioniken ist gut gesorgt

Schon zweimal hat Privatdozent Martin Engelhardt, Chefarzt für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Osnabrück, an Olympischen Sommerspielen teilgenommen: Als Präsident der Deutschen Triathlon Union in Sydney 2000 und als Arzt 2004 in Athen. In Peking betreut er jetzt mit weiteren Kollegen die Olympia-Mannschaft medizinisch. "Bei Olympia geht es nicht nur um den Körper", betont Engelhardt. Auch mental müssten die Sportler gut auf die große Aufgabe vorbereitet sein.

Dr. Martin Engelhardt.

Foto: Willem Konrad (spomedis)

Wie sieht die Aufgabe der medizinischen Abteilung zur Betreuung der deutschen Sportler bei den Olympischen Spielen in Peking aus?

Privatdozent Dr. Martin Engelhardt: Die medizinische Abteilung der deutschen Olympia-Mannschaft besteht aus dem Leitenden Arzt des Deutschen Olympia-Teams, Professor Dr. Wilfried Kindermann aus Saarbrücken, Dr. Bernd Wolfarth aus München, zuständig unter anderem für die Apotheke, dem Leitenden Physiotherapeuten Klaus Eder aus Donaustauf, mir selbst als dem Stellvertreter von Professor Kindermann und als Zuständiger für die orthopädisch-traumatologische Versorgung sowie 25 weiteren Ärztinnen und Ärzten sowie 44 Physiotherapeutinnen und -therapeuten.

Dieses Team betreut über einen Zeitraum von rund fünf Wochen 440 Athletinnen und Athleten sowie 250 offizielle Trainer und Betreuer. Im Deutschen Haus des Olympischen Dorfes wird eine medizinische Zentrale eingerichtet, die tagsüber zwischen 8 und 23 Uhr im Zweischichtbetrieb durchgehend ärztlich und physiotherapeutisch mit jeweils zwei Ärzten und zwei Physiotherapeuten besetzt ist. Nachts besteht Rufbereitschaft.

Die medizinische Zentrale ist vergleichbar mit einer allgemeinmedizinischen und physiotherapeutischen Praxis. Sie ist sowohl Beratungs- als auch Behandlungsort für alle Mitglieder der deutschen Olympia-Mannschaft. Die medizinische Betreuung im Training und während der Wettkämpfe erfolgt in erster Linie durch die für die jeweilige Sportart zuständigen Ärzte und Physiotherapeuten, die in den jeweiligen Wohnblöcken der von ihnen betreuten Sportarten untergebracht sind und dort ihre Behandlungszimmer haben.

Wie wurden die Mediziner ausgewählt? Welche Anforderungen müssen Sie erfüllen?

Engelhardt: Das Kernteam in der Zentrale wird vom Deutschen Olympischen Sportbund bestimmt. Zusammen mit Peter Kreutzer von DOSB bereitet das Kernteam den medizinischen Einsatz in Peking vor.

Dazu zählt auch die Durchführung eines Vorbereitungsseminars bereits ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen für alle in Frage kommenden Ärzte und Physiotherapeuten. Dort erhalten diese alle wichtigen infrastrukturellen und medizinischen Informationen. Es wird eine Informationsbroschüre zusammengestellt, mit der die Athleten auf die besonderen klimatischen Umweltbedingungen in Peking vorbereitet werden. Ferner müssen die Arzneimittel besorgt und wichtige Labor- und Therapiegeräte, zum Beispiel Inhalationsgeräte, Elektro-, Ultraschall- und Stoßwellentherapiegeräte, beschafft werden.

Die Ärzte und Physiotherapeuten der jeweiligen Sportarten werden von den Spitzensportverbänden vorgeschlagen.

Wie viele davon gehören der DGSP an, der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention?

Engelhardt: Bis auf wenige Ausnahmen werden wahrscheinlich alle Ärzte der deutschen Olympia-Mannschaft der DGSP angehören.

Welche Probleme gibt es bei großen Wettbewerben bei der Betreuung von Leistungssportlern?

Engelhardt: In Athen haben wir in der medizinischen Zentrale 190 Konsultationen durchgeführt. Es wurden 30 Inhalationen, 26 Injektionen, 13 Blutuntersuchungen, 12 Sonographien, 9 Infusionen und 6 Stoßwellenbehandlungen durchgeführt. Für 23 Athleten musste eine Ausnahmegenehmigung für eine Asthmatherapie und für 41 Athleten eine Ausnahmegenehmigung für eine nicht systemische Glucocorticoidtherapie gestellt werden.

Wenn medizinische Probleme auftreten, müssen wir in der Lage sein, die Situation schnell einzuschätzen und eine genaue Perspektive geben. Meist stehen keine großen Behandlungen an, da die Athleten meist in gesundem und gut trainiertem Zustand zu den Spielen fahren. Lediglich bei acht Athleten kam es in Athen zu einem verletzungs- oder krankheitsbedingten Ausfall. Dabei waren Muskel- und Sehnenverletzungen die häufigste Ursache für den Wettkampfabbruch.

Wie werden die Probleme gelöst?

Engelhardt: Das medizinische Personal muss schnell und mit höchstem Einsatz den Sportler behandeln. Meistens kann der Spitzensportler jedoch mehr wegstecken als der Durchschnittsmensch. Was für einen normal trainierten Menschen vielleicht schon eine Überlastung darstellt, gefährdet den Hochleistungssportler meist nicht. Bei Olympia geht es jedoch nicht nur um den Körper. An die körperliche Leistungsgrenze kommt nur, wer auch mental auf die große Aufgabe vorbereitet ist. Auch diesbezüglich müssen die behandelnden Ärzte und Physiotherapeuten bestimmte Fähigkeiten mitbringen.

Hat jede Sportart "ihren" Arzt?

Engelhardt: Aufgrund der begrenzten Akkreditierungsmöglichkeiten kann nicht jede Sportart ihren eigenen Arzt mitnehmen. Viele ‚kleine‘ Sportarten können häufig lediglich ihren Physiotherapeuten mitbringen. Die Ärzte aus der Zentrale übernehmen dann zusätzlich die Betreuung dieser Sportarten bei den jeweiligen Wettkämpfen.

Sind bei der Arbeit in China besondere Schwierigkeiten zu erwarten?

Engelhardt: Die Chinesen haben die Olympischen Spiele organisatorisch sehr gut vorbereitet. Laut Aussagen von Klaus Eder, der für uns die Vorbesichtigung durchgeführt hat, erwarten uns gute Arbeitsbedingungen im Olympischen Dorf.

Das Interview wurde von der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) zur Verfügung gestellt. Die DGSP ist die Vereinigung der 18 Landesverbände für Sportmedizin und mit ihren rund 11 000 Mitgliedern eine der größten wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Webseite der DGSP: www.dgsp.de

Topics
Schlagworte
Olympia 2008 (37)
Sportmedizin (1787)
Organisationen
DGSP (50)
Personen
Wilfried Kindermann (31)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »