Ärzte Zeitung online, 12.08.2008

Misstrauen gegen russische Sportler wegen Urin-Manipulationen

PEKING (dpa). Kein Blatt vor den Mund nahm einer der ranghöchsten Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). "Ich denke, das ist systematisches Doping", so Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des IOC, die kürzliche aufgedeckten Urin-Manipulation bei sieben von elf russischen Leichtathleten.

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin hatte beim Besuch seiner 467 Olympia-Teilnehmer in Peking verkündet, die Siegprämien auf 150 000 Dollar (rund 98 900 Euro) zu verdoppeln. Für Silber und Bronze versprach er noch 60 000 und 40 000 Euro. "Alle Voraussetzungen sind geschaffen, um das Rekordergebnis von 32 Goldmedaillen von 2000 in Sydney zu erreichen", sagte Putin der "China Daily" vor seiner Abreise aus Peking.

Mit allen Mitteln? Dies fragt man sich nicht erst nach dem jüngsten Doping-Skandal, bei dem elf Leichtathleten aus Russland vor Olympia ertappt wurden.

Mit Hilfe von DNA-Analysen war der Weltverband IAAF dem mutmaßlichen Betrug auf die Spur gekommen. Das gleiche Verfahren wurde auch vom Ruder-Weltverband FISA angewandt, um neun russischen Ruderern die "Nutzung unerlaubter Methoden" nachzuweisen. Um ein Haar wären Russlands Skuller komplett von den Peking-Spielen ausgeschlossen worden.

Am Ende wurden alle in die Affäre verstrickten Athleten, Offizielle, Betreuer und Trainer nicht für Olympia zugelassen.

Ungeachtet dieser Fälle in den Monaten vor den Olympischen Spielen 2008 rühmt sich Russland, Gastgeber der Winterspiele in Sotschi 2014 und der Leichtathletik-WM 2013, im Anti-Doping-Kampf eine Menge zu tun. 17 Millionen Dollar (rund 11,3 Millionen Euro) wurden nach Angaben des russischen Sportministers Vitali Mutko in das Analyselabor in Moskau gesteckt.

Alle Olympia-Teilnehmer sind vor der Reise nach Peking getestet worden. "Das Wichtigste, was ein Sportler verstehen muss, ist, dass die Einnahme verbotener Präparate nicht unentdeckt bleibt", meinte Sergej Korol von der Staatsagentur Rossport. "Überraschungen auf diesem Gebiet sind für uns völlig ausgeschlossen."

Bei den Spielen vor vier Jahren in Athen war dem nicht so. Mit Albina Chomitsch (Gewichtheben), Irina Korschanenko und Anton Galkin (beide Leichtathletik) kamen drei der 23 Doping-Sünder aus Russland. Nicht ganz geheuer war Experten auch der Siegeszug der Sportmacht bei der Leichtathletik-EM 2006 in Göteborg, wo sie 34 Medaillen, darunter zwölf Goldene - in 47 Disziplinen gewann. Schließlich wies der Leichtathletik-Weltverband IAAF in seiner Anti-Doping-Statistik für 2004 nur 100 Kontrollen in Russland aus - der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte bei seinen Top-Athleten 1300 vorgenommen.

"In Bezug auf den Hochleistungssport ist das alles keine Überraschung für Russland", sagte Helmut Digel, deutsches Mitglied im IAAF-Council. "Man muss in dem Land endlich begreifen, dass Leistung auch ohne Doping-Mittel erbracht werden kann." Für ihn habe dies ein Mann wie der russische Leichtathletik-Präsident Valentin Balachnitschew, der ebenso im IAAF-Council sitzt, schon längst erkannt. "Als ich vor zehn Jahren aufgestanden bin und gegen Doping gekämpft habe, haben andere nur gelächelt", meinte Digel.

Topics
Schlagworte
Olympia 2008 (37)
Personen
Wladimir Putin (35)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

"Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, die Ärzte sollten sich daher aktiv daran beteiligen, appellierte der Blogger Sascha Lobo auf dem Ärztetag. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Massive Technik-Pannen behindern Ärztetag

Nicht einsehbare Anträge, verschobene Abstimmungen: Technische Probleme machen Delegierten und Journalisten gestern unmd heute auf dem Ärztetag arg zu schaffen. mehr »