Ärzte Zeitung online, 23.04.2011

Deutschland, 2011: "Tschernobyl ist noch da"

Auch 25 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl sind die Auswirkungen der Katastrophe hierzulande noch immer gegenwärtig.

Von Thorsten Schaff

Deutschland, 2011: "Tschernobyl ist noch da"

Viele Wildschweine in Bayern sind noch stark mit Cäsium-137 belastet.

© dpa

NEU-ISENBURG. Die Verstrahlung, die von der radioaktiven Wolke in den ersten Tagen nach dem Super-GAU in Tschernobyl nach Deutschland gebracht wurde, ist nach wie vor in der Erde messbar. Vor allem die Wälder sind stark betroffen. Durch den verheerenden Reaktorunfall wurden viele unterschiedliche radioaktive Stoffe freigesetzt. Besonders im Fokus stehen die Radionuklide Jod-131 und Cäsium-137.

Während Jod-131 eine Halbwertzeit von acht Tagen hat, beträgt sie bei Cäsium-137 30 Jahre. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch ein Vierteljahrhundert nach Tschernobyl noch hohe Werte von Cäsium-137 in Deutschland zu finden sind. Allerdings nur im Boden, und nicht mehr in der Luft oder im Wasser.

Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, wo ein radioaktiver Regen niederging, schlägt der Geigerzähler kräftig aus, wenn man den Boden misst.

Cäsium-137 im Boden vorhanden

Nach Angaben des Umweltinstituts München beträgt der Mittelwert von Cäsium-137 im Boden in Südbayern noch etwa 15.000 Becquerel pro Quadratmeter (Bq/m2). Im Mai 1986 waren es durchschnittlich 20.300 Bq/m2. Einige Werte reichten damals aber auch über 173.000 Bq/m2 hinaus.

"Sauber ist nichts. Tschernobyl ist noch da", betont Professor Edmund Lengfelder vom Otto Hug Strahleninstitut im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ist der gleichen Auffassung, teilt aber mit: "Das im Boden befindliche Cäsium-137 trägt in den am höchsten kontaminierten Gebieten Südbayerns nur noch circa fünf Prozent zusätzlich zur gemessenen natürlichen Ortsdosisleistung bei."

Manche Pilze und Beeren stark belastet

Besonders stark belastet ist der Waldboden, wie sich in Pilzen oder Waldbeeren zeigt. Das hat mit der besonderen Beschaffenheit der Erde im Wald zu tun.

Strahlenbiologe Lengfelder erklärt: "Das Ökosystem Wald führt dazu, dass in der obersten Nadelstreu- und Humusschicht die Radioaktivität hängen bleibt. Sie hat ein zehn bis 20 Mal höheres Bindungsvermögen als Sand und Mergel oder was immer darunter ist. Im Garten oder auf dem Acker wurde das umgepflügt oder umgestochen."

Daher sind manche Pilze und Waldfrüchte wie Heidel- oder Preiselbeeren stark kontaminiert - im Gegensatz zu Getreide, Obst und Gemüse, die in Deutschland kaum noch belastet sind.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hat 2009 in sieben von 15 Proben von Maronenröhrlingen aus Bayern eine Verstrahlung über dem damaligen EU-Grenzwert für Lebensmittel von 600 Bq/kg festgestellt. Genauso wie in acht von 51 Proben bei Wildpilzen wie Hirschtrüffel und Birkenpilz. Seit dem 12. April 2011 gilt ein neuer EU-Grenzwert von 500 Bq/kg.

Viele Wildschweine kommen nicht in den Handel

Weil Wildtiere die Pilze und Beeren fressen, nehmen sie Radioaktivität auf. In Wildschweinen aus Niederbayern wurde 2010 laut Bayerischem Landesamt für Umwelt eine mittlere Strahlenbelastung von 1232 Bq/kg gemessen. Der Spitzenwert betrug 11.900 Bq/kg.

"In den besonders belasteten Regionen in Bayern wird weiterhin von den Jagdverbänden festgestellt, dass die Wildschweine, die dort geschossen werden, zum Teil noch sehr hohe Belastungswerte haben und nicht in den Handel kommen", berichtet Lengfelder. Vorsicht ist also immer noch geboten, was bestimmte Nahrungsmittel anbelangt.

Vermehrte Krebserkrankungen oder nicht?

Die Folgen des verheerenden Reaktorunfalls vor 25 Jahren sind somit hierzulande noch immer aufzuspüren. Wie sich aber die Strahlenbelastung von Tschernobyl auf die Gesundheit der Menschen in Deutschland genau ausgewirkt hat, darüber gibt es viele unterschiedliche Studien (siehe Links auf Studien). Und vielerlei Meinungen.

Für Wissenschaftler Lengfelder ist klar, dass die Kernkraft-Katastrophe zu vermehrten Krebserkrankungen geführt hat - und noch führen wird: "Wir sind in Bayern mit einer Krebsstudie leider nicht weitergekommen, weil es für Bayern kein Krebsregister gibt. Wir sind deshalb nach Tschechien gegangen. Die Untersuchung hat ergeben, dass der Schilddrüsenkrebs dort nach Tschernobyl hochsignifikant zugenommen hat. Da der Fallout in Bayern stärker war als in Tschechien, bedeutet das, dass in Bayern noch viel mehr Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen zu erwarten sind."

Im Gegensatz dazu steht die Erklärung des BfS: "Es gibt bisher keinen Nachweis, dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl-Unfall verursacht wurden."

Langzeitwirkungen kommen noch zum Vorschein

Vielleicht werden die Folgen der Katastrophe später noch offensichtlicher. Dr. Angelika Claußen, Tschernobyl-Expertin der Ärzteorganisation IPPNW, ist davon überzeugt, dass sich die Auswirkungen des ersten Super-GAUs der Welt in der Zukunft stärker zeigen werden.

"Einige Folgeschäden werden später sichtbar. Das hat damit zu tun, dass Radioaktivität ja nicht nur akute Wirkung zeigt, sondern die Hauptwirkungen eher Langwirkungen sind."

Lebensmittel und ihre Belastung

Auswirkungen von Unfällen mit Freiwerden radioaktiver Strahlung auf die Nahrungskette sind langfristiger Art. Praktisch relevant ist für Mitteleuropa 25 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe nur noch das langlebige Cäsium (Cs) 137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. "Schon mit einer Mahlzeit höher kontaminierten Wildbrets oder wild wachsender Speisepilze kann mehr Cs-137 aufgenommen werden als mit Lebensmitteln aus landwirtschaflicher Produktion eines ganzen Jahres", schreiben Dr. Bernd Grosche und Dr. Martin Steiner vom Bundesamt für Strahlenschutz (UMID 2011, 1: 23).

In Bayern zum Beispiel haben sich die Jäger daran gewöhnt, geschossene Wildschweine zu einer offiziellen Messstelle zu bringen, um sie auf Radioaktivität testen zu lassen. Viele der Tiere weisen noch immer Werte über 600 Bq/kg auf, es würden auch heute noch manchmal mehr als 10.000 Bq/kg gemessen. Ursache sind Pilze und Hirschtrüffeln. Diese sind zum Teil noch stark verstrahlt, denn der Waldboden mit seinen organischen Auflageschichten hält die Radioaktivität länger an der Oberfläche als zum Beispiel Ackerflächen.

Cäsium-bindende Tonminerale fehlen, Bodenorganismen, Pilze und Pflanzen speichern die Radioaktivität. Fallen abgestorbene Blätter und Nadeln auf den Boden, wird das in ihnen enthaltene Radiocäsium wieder der organischen Auflageschicht zugeführt - ein sich immer wieder erneuernder Kreislauf. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als das allmähliche Abklingen der Radioaktivität abzuwarten.

Bei den Pilzen zeigen nach Angaben der Organisation Foodwatch unter anderem Maronenröhrlinge und Pfifferlinge erhebliche Belastungen. Andererseits: Würden Wildpilze normal zubereitet und in üblichen Mengen verzehrt, bestünden keine Risiken für die Gesundheit beim Menschen, so das Bundesamt für Strahlenschutz.

Als Faustregel gelte, dass 80.000 Bq Cs-137 bei Erwachsenen einer Strahlenexposition von etwa 1 mSv entsprechen. Damit hätte eine Pilzmahlzeit mit 200 g Maronenröhrlingen aus Südbayern (4000 Bq/kg) eine Exposition von 0,01 mSv zur Folge. Die jährliche natürliche Strahlenexposition in Deutschland liegt im Mittel bei 2,1 mSv.

Der Gehalt von Cs-137 in landwirtschaftlichen Produkten aus Deutschland liege inzwischen im Bereich weniger Bq/kg, so Grosche und Steiner. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Cs-137 stark an bestimmte Tonminerale gebunden und damit nur in geringem Maße über Pflanzenwurzeln aus dem Boden aufgenommen wird.

Inwiefern die Erfahrungen nach Tschernobyl auf Fukushima übertragbar sind, ist fraglich: Dort ist ein Super-Gau noch nicht abgewendet, hochgiftiges Plutonium tritt aus, die Reaktoren bedürfen noch über lange Zeit ständiger Kühlung. Das dabei kontaminierte Wasser wird teilweise ins Meer verklappt. (ner)

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