Sonntag, 26. Mai 2013
Ärzte Zeitung online, 23.04.2011

Zwei Tage nach Tschernobyl: "Wir wissen von nichts"

Ende April 1986: In Europa hat der Frühling Einzug gehalten. Doch was niemand ahnt: Gerade, es ist der 26. April, kam es in Tschernobyl zum Super-GAU. Erst zwei Tage später verdichten sich auch in Westeuropa die Nachrichten. Doch zunächst heißt es: "Wir wissen nichts von einem Zwischenfall."

Die ersten deutschen Fernsehnachrichten nach dem Super-GAU in Tschernobyl.

© NDR / kangoo1984 / YouTube

NEU-ISENBURG (nös). Europa im Jahr 1986, der Kontinent ist in zwei Blöcke geteilt. Der kalte Krieg zwischen Ost und West ist auch nach der Entspannungspolitik der letzten Jahre nach wie vor präsent. Und er zeigt sich auch in den Nachrichten.

Es ist Samstag der 26. April desselben Jahres. In Deutschland ist der Frühling ausgebrochen, im Süden werden Temperaturen über 20 Grad gemessen. Was die wenigsten wissen: Halb zwei Uhr nachts kam es rund 1300 Kilometer weiter östlich zum Super-GAU, das Atomkraftwerk Tschernobyl ist sprichwörtlich "in die Luft geflogen".

Die ersten Informationen sind spärlich. Selbst das Moskauer Politbüro wird zunächst nur über einen Unfall informiert. Von einer Explosion oder dem massenhaften Ausweichen von Radioaktivität ist zunächst nicht die Rede.

Michail Gorbatschow, seit einem Jahr Generalsekretär im Zentralkomitee der KPdSU, wird um fünf Uhr morgens über den "Zwischenfall" informiert. Später, nachdem Zusammenbruch der Sowjetunion, wird er sich selbst über die mangelnden Informationen beklagen.

Zwei Tage später, es ist der 28. April, ein Montag. In Schweden und anderen baltischen Ländern schlagen Messstationen Alarm, sie haben extrem hohe Radioaktivität gemessen. Was zu dem Zeitpunkt niemand weiß: Die Strahlung stammt aus Tschernobyl, der Wind hat sie nach Nordwesten getragen.

Am selben Tag wird das Ereignis erstmals in den bundesrepublikanischen Nachrichten aufgegriffen. In den 19-Uhr-Nachrichten im Südwestfunk, dem späteren SWR, heißt es: "In Teilen Schwedens, Finnlands und Norwegens ist eine ungewöhnlich hohe radioaktive Strahlung gemessen worden."

Als Ursache werde ein Defekt an einem sowjetischen Atomreaktor vermutet. Und weiter: "Die Atomenergiebehörde in Moskau teilte der schwedischen Botschaft mit, sie wisse nichts von einem möglichen Zwischenfall in einem Kernkraftwerk, von dem sie in jedem Fall Kenntnis haben müsste."

Eine Stunde später, in der Tagesschau der ARD, klingt die Nachricht bereits so: "In der Sowjetunion traten in einem Kernkraftwerk in der Nähe von Kiew Schäden am Reaktor auf."

Durch die radioaktive Strahlung seien auch Menschen zu Schaden gekommen, erklärt Tagesschau-Sprecher Werner Veigel. "Weiter heißt es in der Meldung, den Betroffenen werde Hilfe geleistet. Es wird aber nicht gesagt, wann sich das Unglück ereignet hat, oder wodurch es verursacht wurde."

Eine weitere Stunde später dann die amtliche Bestätigung. In den Tagesthemen heißt es: "In einer knappen Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS hieß es heute Abend, in dem Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine habe es einen Unfall gegeben, der Opfer forderte."

Sehr viel mehr teilte die Agentur damals nicht mit. Die Tagesthemen: "Hinweise auf erhöhte Strahlenbelastung in einer radioaktiven Wolke kamen aus skandinavischen Ländern. Schwedische Behörden verlangen einen ausführlichen Bericht und werfen der Sowjetunion vor, nicht rechtzeitig auf das Unglück reagiert zu haben."

Kurze Zeit später spitzten sich die Nachrichten zu. Bereits am Dienstagabend hieß es in der Tagesschau: "In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen, dem größten anzunehmenden Unfall."

Weiter: "Auch drei tage nach dem Ausbruch ist der Nuklearbrand noch immer nicht unter Kontrolle. Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS meldete, zwei Menschen seien ums Leben gekommen. In der Nähe der Anlage wurden die Bewohner evakuiert. Um Tschernobyl wurde eine 30-Kilometer Sicherheitszone gezogen. Es scheint sicher, dass der Reaktor teilweise oder ganz geschmolzen ist."

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