Ärzte Zeitung online, 24.04.2011

INES: Die Richterskala für Atomunfälle

Was für die Bewertung von Erdbeben die Richterskala ist, ist für die Einordnung von nuklearen Unfällen, die INES-Skala, die internationale Skala für nukleare und radiologische Ereignisse.

INES: Die Richterskala für Atomunfälle

IAEA-Hauptquartier in Wien.

© dpa

Entwickelt wurde INES erst im Jahr 1989. Zuvor war es schon zu zahlreichen Unglücken gekommen, darunter das bislang schwerste im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl.

Drei Jahre nach dem Super-GAU setzten sich Experten der internationalen Atomenergiebehörde IAEA und der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, an einen Tisch.

Ihr Ziel: Sie wollten ein einfaches Bewertungssystem entwickeln, mit dem nukleare Unfälle kategorisiert werden können. Die Idee: Im Katastrophenfall sollte so die Kommunikation zwischen der Öffentlichkeit, der Industrie, den Experten und der Politik auf einem Referenzsystem basieren.

Ein Jahr später, 1990, lag das erste INES-Manual vor. Doch die Teilnahme an dem Programm blieb seitdem freiwillig. Peu à peu übernahmen jedoch immer mehr Staaten das System. Derzeit sind es laut IAEA 61 Länder, die nach INES klassifizieren, darunter auch Deutschland.

INES ist eine logarithmische, siebenstufige Skala. Jede Stufe bezeichnet ein Ereignis, dessen Auswirkungen zehnmal größer sind, als ein Vorkommnis der darunterliegenden Stufe.

Auf den Ebenen 1 bis 3 spricht die IAEA von Zwischenfällen, Ereignisse der Stufen 4 bis 7 nennt sie Störfälle oder Unfälle.

Umfasst werden von dem Bewertungssystem alle Bereiche, in denen es zu nuklearen oder radiologischen Unfällen kommen kann. Dazu zählen neben der Industrie auch der Transport radioaktiver Materialien oder etwa die Anwendung für medizinische Zwecke. Einzige Ausnahme ist der militärische Bereich.

Ermittelt wird die INES-Stufe für einen Unfall anhand dessen Auswirkungen. Bewertet werden dafür Störungen an den Sicherheitsvorkehrungen, Auswirkungen innerhalb der Anlage und Auswirkungen außerhalb der Anlage.

Ab der Stufe 4 werden für die Bewertung entweder die radioaktive Exposition bei Menschen oder die Anzahl freigesetzter radioaktiver Nuklide herangezogen. Beides, so geben auch die IAEA-Experten in ihrem Manual zu bedenken, lässt sich oft nur abschätzen.

Für die Berechnung der freigesetzten Nuklide werden Äquivalente des Nuklids Jod-131 gebildet. Demnach gilt etwa die höchste Stufe 7, sobald mehr als 10.000 Terabecquerel (TBq) Jod-131 freigesetzt werden.

In einer Äquivalenztabelle gibt das INES-Manual für etliche Isotope Gewichtungsfaktoren an. Für Cäsium-137 etwa wird mit dem Faktor 40, für Plutonium-239 mit dem Faktor 10.000 multipliziert.

The International Nuclear and Radiological Event Scale

Erklärung: Die Kriterien der Stufen sind jeweils Add-on-Kriterien. So gelten für INES-Stufe 7 auch die Kriterien der darunterliegenden Stufen.

7 S t ö r f a l l Bedeutender Unfall
Bedeutende Freisetzung von radioaktivem Material (etliche 10.000 TBq Jod-131), weiträumige Effekte auf Gesundheit und Umwelt. Ausgeweitete Gegenmaßnahmen erforderlich.
2011: Fukushima Daiichi (Japan)
1986: Tschernobyl (Ukraine)
6 Schwerwiegender Unfall
Signifikante Freisetzung von radioaktivem Material (mehr als 10.000 TBq Jod-131).
1957: Majak (Kyshtym, Russland)
5 Unfall mit großflächigen Auswirkungen
Begrenzte Freisetzung von radioaktivem Material (zwischen 100 und einigen 1000 TBq Jod-131), mehrere Todesfälle. Teilweise Zerstörung des Reaktorkerns. Freisetzung von großen Mengen radioaktiver Nuklide im Inneren der Anlage.
1979: Three Mile Island (Middletown, USA)
1957: Windscale Pile (Seascale, Großbritannien)
4 Unfall mit lokalen Auswirkungen
Geringfügige Freisetzung von radioaktivem Material (zwischen 10 und 100 TBq Jod-131), mindestens ein Todesfall in der Folge. Kernschmelze oder Zerstörung von Brennmaterial im Inneren der Anlage. Signifikante Freisetzung von Radioaktivität innerhalb der Anlage. Lokale Überwachung von Lebensmitteln nötig.
1999: Tokai (Japan)
1980: Saint-Laurent (Saint-Laurent-Nouan, Frankreich)
3 Z w i s c h e n f a l l Schwerwiegender Zwischenfall
Strahlenexposition außerhalb der Anlage, die das Zehnfache der Jahresdosis für beruflich exponierte Personen übersteigt. Dosisleistungen im Anlageninneren von über 1 Sv/h, schwere Kontamination von normalerweise nicht exponierten Bereichen. Ursachen: Beinnaheunfälle, verlorenes radioaktives Material, Arbeitsunfälle mit radioaktivem Material.
2005: Sellafield (Seascale, Großbritannien)
1989: Vandellos (Spanien)
2 Zwischenfall
Exposition außerhalb der Anlage mit einer Dosis von mehr als 10 mSv oder mehr als der Jahresdosis für beruflich exponierte Personen. Die Dosisleistung im Anlageninneren übersteigt 50 mSv/h, teilweise Kontamination von normalerweise nicht exponierten Bereichen. Ursachen: Bedienfehler, Transportfehler.
2006: Forsmark (Schweden)
2005: Atucha (Zarate, Argentinien)
1993: Cadarache (Saint-Paul-lès-Durance, Frankreich)
1 Unregelmäßigkeit
Exposition mit einer Dosis, die die Jahresdosis für beruflich exponierte Personen übersteigt. Ursachen: Kleinere Sicherheitsprobleme, Fehler an Sicherheitseinrichtungen.
 
Quelle: IAEA 2009, INES User's Manual 2008 Edition

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