Ärzte Zeitung online, 26.04.2011

Erinnerungen: "Informations-Chaos"

Erinnerungen: "Informations-Chaos"

Dr. Andreas Gammel, Allgemeinarzt aus Mössingen, saß in der Zeit von Tschernobyl an seiner Promotion. Kurz zuvor hatte er einen Strahlenschutzkurs absolviert. Ihm ist vor allem das Informations-Chaos in Erinnerung geblieben.

Als in Tschernobyl der Reaktor explodierte, hatte ich eben den Strahlenschutzkurs absolviert, den ich für meine Promotion benötigte. Drei Tage später kam die erste Radionachricht, in Südschweden sei erhöhte Radioaktivität gemessen worden.

Eine kurze Messung vor der Haustür ergab, dass auch bei uns die Strahlung bereits anderthalb Mal so hoch war wie normal - was offenbar noch niemand bemerkt hatte, jedenfalls wurde das erst anderntags in den Medien erwähnt.

Was mir von den folgenden Tagen am lebhaftesten in Erinnerung ist, war das Informations-Chaos in den Medien. Ein Teil der Verwirrung war sicherlich verursacht von der eben erst vollzogenen Umstellung der Maßeinheiten von Curie zu Becquerel, so dass Regierungssprecher beschwichtigend von "0,5 Millicurie" reden konnten und Experten von Greenpeace vor "18,5 Millionen Becquerel" warnten - dabei sprachen beide von derselben Strahlungsintensität.

Mit aktueller Strahlenschutzausbildung konnte ich dennoch oft nur den Kopf schütteln, denn viele Aussagen von Politikern, aber auch von sogenannten "Experten", waren grotesk unrichtig.

Auch Kollegen wagten sich mit Spekulationen vor, die jeder Grundlage entbehrten und nur einen Effekt hatten: blanke Panik zu verbreiten. So viel Unsinn war selten in den Medien zu hören und zu lesen.

Jetzt allerdings, im Zusammenhang mit Fukushima, fühle ich mich häufig an diese Tage erinnert, denn wirklich dazugelernt hat man offenbar weder in den Medien noch in der Politik: Die Neigung, ohne solides Wissen in Abwesenheit valider Informationen frei (und stets mit maximal katastrophalen Schlussfolgerungen) zu spekulieren, besteht auch heute noch allerorten.

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Tschernobyl (49)

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