Ärzte Zeitung online, 26.04.2011

Erinnerungen: "Wie es damals in Kiew war"

Erinnerungen: "Wie es damals in Kiew war"

Alexander Ananko, Assistenzarzt für Innere Medizin in Gunzenhausen, hat die Katastrophe aus nächster Nähe miterlebt: Er fuhr einen Tag nach dem GAU seinen Onkel in Kiew besuchen. In Erinnerung sind ihm die piepsenden Dosimeter geblieben - und ein Radio, das ihn "gnadenlos anlügte".

Erinnerungen: "Wie es damals in Kiew war"

Das Kästchen, das aus der Steckdose Nachrichten schöpfte: "Es log mich gnadenlos an."

© salajean / fotolia.com

Ich weiß nicht, wie manche Leute mit ihren Kindererinnerungen umgehen, eines ist für mich aber sicher: Es gibt Gegenstände, die man dann auch als Erwachsener nie mehr wiedersehen (hören, riechen usw.) mag. Und manchmal sind die Gegenstände gar nicht daran schuld, es passiert halt.

Genau wie es mir vor nun fast 25 Jahren mit unserem Radio passierte. Damals gab es so etwas in jeder Familie, so ein Kästchen (namens "Dniepr", wenn ich mich nicht täusche), das normalerweise in der Küche stand und aus der Steckdose die Nachrichten schöpfte - die trotz ganzen drei Sender (einer aus Moskau, einer aus Kiew und einer aus der Stadt, in der man wohnte) immer gleich waren.

Und damals gab es eigentlich keinen Grund, das Kästchen zu hassen - für mich jedenfalls nicht, da meine Lieblingsmannschaft Dynamo Kiew stolz in Richtung Europapokal steuerte, was auch immer aus dem Radio kam.

Allerdings bis zu einem gewissen Tag, nämlich dem 27. April 1986, glaube ich. Seitdem hasse ich das Ding - weil es mich damals gnadenlos anlügte.

Ich saß damals auf den Koffern, weil ich meinen Onkel in Kiew besuchen wollte. Als ich in der Tür stand, hat es aus dem Radio geheißen, in Tschernobyl, nahe von Kiew, sei etwas mit Atomkraftwerk passiert.

Meine Eltern, schon oft von dem Kästchen angelogen, wurden gleich stutzig, kurz darauf hieß aber, es sei nur eine kleine Verpuffung, die praktisch schon beseitigt wurde.

Also packte ich meine Koffer und fuhr doch nach Kiew - eine Nacht mit dem Zug. Mit vierzehn Jahren war es eine der ersten Reisen für mich, bei der ich allein unterwegs war. Und nur wegen einer kleinen blöden Verpuffung konnte ich auf so etwas nicht verzichten.

Erst in Kiew ist mir immer klarer geworden, was wirklich passiert war, nachdem mein Onkel irgendwo ein Taschendosimeter herkriegte, hat es wie verrückt gepiepst. Und natürlich wusste man in Kiew deutlich mehr davon, was wirklich in 100 Kilometern Entfernung ablief.

Das Radio blieb aber optimistisch: "Alles wird gut, keine Panik, keine Radiation. Schauen Sie mal her, sogar der Ministerpräsident hat alle seine Enkelkinder zur Mai-Parade mitgebracht!". Sie waren allerdings fast die einzigen Kinder, die man auf der Straße sehen konnte. Die Kiewer Eltern waren schlauer als sich das Radio dachte und haben die Kinder an diesen schönen Feiertagen kaum rausgeschickt.

Die, die noch cleverer waren, haben sich die Bahntickets besorgt und sind, ohne auf die schlechten Nachrichten zu warten, mit den ganzen Familien weg von Kiew gefahren.

Und die schlechten Nachrichten, die kamen, als ich noch in Kiew war, etwa am 2. bis 3. Mai ging es los. Man hat über die Evakuierung aus Prypjat erfahren, der Stadt, in der die Mitarbeiter aus Tschernobyl wohnten. Man hat etwas aus dem Westen gehört und dann, als eigentlich schon alles klar war, hat das Radio doch die Wahrheit gesagt - zu spät, um das verlorene Vertrauen zu retten.

Zum Glück habe ich die Rücktickets aus Kiew vorher gebucht, sonst wäre ich dort viel, viel länger geblieben. Schon am 4. Mai, als ich zurück fuhr, haben am Kiewer Hauptbahnhof fast kriegsähnliche Umstände geherrscht. Die ganze Stadt (damals schon fast drei Millionen Einwohner) hat versucht, ihre Kinder zu retten.

Dann war auch Schluss mit dem Schweigen, aus dem Radio und dem Fernseher kamen tausende Empfehlungen, was man auch heute aus Fukushima hört: nicht rausgehen, Jod trinken, Fenster geschlossen halten, usw. Eigentlich alles richtig, aber ein wenig zu spät.

Ich musste mich direkt nach der Rückkehr und dann nochmal paar Wochen später in der Poliklinik melden, wo man mir Blut abnahm und mit dem Geigerzähler über die Klamotten fuhr. Maßnahmen, die eher irritierten als halfen. Nichtsdestotrotz hatte man das Gefühl bekommen, dass das Schicksal der Betroffenen dem Staat nicht völlig egal war.

Später wurden praktisch alle Kiewer Kinder in die Krim evakuiert, für den ganzen Sommer und für die Eltern kostenlos. Man hat versucht, zumindest auf solche Weise sich bei den Menschen zu revanchieren, die die ganze Woche nach dem Super-GAU im Stich gelassen wurden.

Und dann kamen immer häufiger die Wörter, die man bisher nie im Leben hörte und die für die nächsten Monaten die wichtigsten und für die Welt die schrecklichsten Wörter wurden: Tschernobyl, Prypjat, vierter Reaktorblock, Sarkophag, Strahlenkrankheit, Krebs, Leukämie.

Natürlich habe ich mich immer wieder mit den Folgen von Tschernobyl konfrontiert - erst als Betroffener, dann als Gastgeber für unsere schwangere Schwägerin aus Kiew, die den Sommer ein bisschen weiter als 100 Kilometer weg von Tschernobyl verbringen wollte, später als Medizinstudent beim Kurs der Strahlenmedizin, als wir die Rehaklinik für "Liquidatoren" (so hießen die Helden, die die Welt damals retteten) besuchten und die Leute mit den Spätfolgen der Strahlenkrankheit sahen.

Aber den allerschlimmsten Eindruck habe ich erst viele Jahre später bekommen, von einem Kollegen, der 1986 den ganzen Sommer in Kiew bleiben musste: "Alexander", hat er mir gesagt, "kannst du dir eigentlich eine Stadt vorstellen, in der es keine Kinder, keine Frauen und keine Vögel gibt? So war unser Kiew in diesem Sommer, und das war das schlimmste womit man sich konfrontieren sollte - unheimliche Ruhe und nur die orangefarbenen Autos, die mühevoll die Straßen vom radioaktivem Staub, was immer wieder vom Norden kam, abspülten."

Ich wünsche mir sehr, dass unsere Erde das nie mehr erleben wird.

Ach ja, Kiew hat damals den Europapokal (den Europapokal der Pokalsieger, 3:0 gegen Atlético Madrid in Lyon, Anm. d. Red.) gewonnen, und die Friedensfahrt (sozialistische Alternative dem Tour de France) startete damals ausnahmsweise am 6. Mai in Kiew, um der Welt zu zeigen, dass es dort keine Strahlung gab.

Topics
Schlagworte
Tschernobyl (49)
Krankheiten
Krebs (4853)
Leukämie (935)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Ein Erklärbuch für Kinder

Dagmar Eiken-Lüchau hat eine Tochter mit Autismus-Störung. Um anderen Kindern das Thema zu erklären, hat die Mutter ein Buch geschrieben. mehr »