Ärzte Zeitung online, 26.04.2011

Erinnerungen: "Umkleideschleuse im Hausflur"

Erinnerungen: "Umkleideschleuse im Hausflur"

Dr. Joachim Malinowski erinnert sich an den Frühling im April 1986. "Wir alle waren sonnenhungrig und viel draußen." Doch mit einem Mal sei alles anders gewesen. Im Hausflur gab es jetzt eine Schleuse, alternative Läden hatten Listen mit sauberen Lebensmitteln und in der DDR gab es plötzlich einen "Gemüsesegen".

Damals herrschte bestes Frühlingswetter, Sonne, Blumen, Bäume, alles war am Aufwachen. Wir alle waren sonnenhungrig und viel draußen.

Ich selbst war noch einige Tage vor der Meldung in den Parks, wusste noch von nichts. Dabei war das AKW in Tschernobyl zu diesem Zeitpunkt schon havariert.

Mit einem Mal wurde alles anders. Es ging darum, sich saubere Lebensmittel zu besorgen, was ich auch ausgiebig für konservierte Produkte tat.

Wie ich als wissenschaftlicher Student mit Strahlenschutzerfahrung gelernt hatte, richtete ich mir im Hausflur eine Umkleideschleuse an, um den ganzen radioaktiven Dreck nicht auch noch in den Wohnbereich zu schleppen. Messen konnte ich leider nichts.

Es hatte noch nicht geregnet, das kam erst später. Und dann kamen Tausende von Becquerel pro Liter Regen vom Himmel. Wer ahnungslos oder doof war, ging nach draußen.

Die Nachrichten kamen nur scheibchenweise rein, wie jetzt auch bei Fukushima. Die gleiche kaputte Informationspolitik, das war also schon vorbekannt und zu befürchten.

Neu ist nun das Internet mit vielen Infos. Aber zu viele Infos verwirren. Außerdem werden auch Falschmeldungen gestreut, was die Glaubwürdigkeit der Informationen mindert. Es ist damit wie im Krieg, einem Krieg der Medien.

Damals hatten alternative Läden Listen von sauberen Lebensmitteln erstellt und ausgehängt, alles in mühsamer Kleinarbeit von engagierten Bürgern, da die Behörden zunächst nur abwiegelten. Ich kann mich jedenfalls nicht an Listen von offizieller Seite in den Medien erinnern. Damit konnte man gezielt einkaufen gehen und sich nicht mehr ganz so hilflos fühlen.

Strahlenschutzgeräte gab es nicht. Auch heute ist alles ausverkauft. Nächste Lieferung erst ab Juli 2011 bei zum Beispiel "Conrad". Und dieses Mal werde ich mir ein Strahlenmessgerät zulegen, weil es eine notwendige und sinnvolle Investition zu sein scheint. Ich verzichte dafür gerne auf einen neuen Laptop. Der "rettet" mich nicht vor Radionukliden.

Damals gab es für die DDR-Bürger ganz plötzlich einen Gemüsesegen, die das auch alles brav aufgegessen haben.

Was aber passierte mit dem strahlenden Milchpulver, welches man aus der radioaktiven Milch durch Eindampfung zwecks Volumenverkleinerung produziert hatte? Ich erinnere mich noch, dass viele Güterwaggons mit Milchpulver auf irgendwelchen Bahnhöfen abseits der Hauptstrecken standen. Irgendwann waren sie weg, sowohl real als auch aus dem Bewusstsein.

Einige Jahre später gab es den Boom von den neuen Milchkaffee-Produkten, die wir bis heute gerne trinken. Ob darin in entsprechender Verdünnung die vielen Tonnen radioaktiven Milchpulvers verschwunden sind? Würde mich jedenfalls nicht wundern.

Fazit: Wir alle haben bei solch einer AKW-Katastrophe große Chancen, das Zeug aufzuessen, so oder so. Oder ist es heute anders?

Nebenbei gesagt hätte auch ich nicht gedacht, dass ich das alles noch einmal erleben muss. Die Wut gegen die AKW-Lobby wächst, und der politische Druck ebenfalls. Ich hoffe das Beste.

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