Ärzte Zeitung, 23.01.2008

Garten Eden mitten im Atlantischen Ozean

Die meisten Deutschen kennen die Azoren nur von der Wetterkarte. Doch für viele Bewohner sind die Inseln das Paradies auf Erden.

Wenn der 37-Jährige Jorge M. Silveira über seine Heimat spricht, fängt sein Gesicht an zu strahlen. "Hier ist es friedlich und sauber", erzählt er, während er sein Taxi über die steilen, kurvigen Straßen von São Jorge lenkt. Eine fast senkrechte, begrünte Felsküste umschließt das 56 Kilometer lange Eiland, das sich mit seinen acht Schwestern im Atlantischen Ozean verliert.

Taxifahrer Jorge wanderte 1981 mit seiner Familie nach Kalifornien aus, nachdem ein schweres Erdbeben die Insel erschüttert und viele Häuser zerstört hatte. Er ist einer von mehr als 200 000 Azorern, die in den letzten 50 Jahren in die USA emigrierten. In Kalifornien machte der junge Mann Karriere und bewohnte ein eigenes Haus am Meer.

 Garten Eden mitten im Atlantischen Ozean

Vom Städtchen Horta auf Faial reicht der Blick hinüber zur Insel Pico mit dem gleichnamigen Vulkan.

Fotos: Imago

Doch der Stress des American way of life machte ihm zu schaffen, und das Heimweh drückte auf die Seele. Und so zog er 19 Jahre später wieder zurück nach São Jorge -wie die meisten seiner 40 Taxikollegen, die einst in der Fremde arbeiteten. Der Verdienst ist zwar geringer, dafür lebt es sich entspannter. Viel hat sich verändert seit Jorge nach Amerika emigrierte. "Das Leben ist einfacher geworden." Viele Insulaner wohnen in schmucken Einfamilienhäusern und können sich ein Auto leisten.

Von den Balkons fällt der Blick hinüber zur Nachbarinsel Pico mit dem gleichnamigen 2351 Meter hohen Berg, dem höchsten Portugals. Der erloschene Vulkan ist ein großer Verwandlungskünstler. Wie eine eitle Diva wechselt er ständig sein Gewand aus Nebel und Wolken. Ganz nackt zeigt er sich nur selten, zumindest eine weiße Haube verbirgt seine Spitze, die nachts im Mondschein leuchtet. Pico ist mit 250 000 Jahren der jüngste Spross der neun Azoreninseln, die einst aus der Tiefe des Ozeans aufstiegen. Buchstäblich steinalt erscheint dagegen die Insel Santa Maria, die vor 14 Millionen Jahren das Licht der Welt erblickte.

Die Azoren sind ein paradiesischer Garten Eden. Das milde Seeklima lässt auf fruchtbaren Landzungen und Terrassen Obst, Gemüse, Kaffee und Tabak gedeihen. Dichte Hortensiensträucher säumen die Wege, rote trichterförmige Prunkwinden ranken sich an Bäumen empor. Klare Gebirgsbäche schießen durch tiefe Täler, in denen mannshohe Stauden des wilden Ingwer wuchern, dessen filigrane Blütenähren einen betörenden Duft verströmen. Einwanderer brachten die Pflanze mit auf die Inseln, die erst im 15. Jahrhundert besiedelt wurden.

 Garten Eden mitten im Atlantischen Ozean

Zerstörter Leuchtturm vor einer vulkanischen Felsformation auf der Insel Faial.

Fotos: Imago

Die Azoren sind nichts für faule Sonnenanbeter oder bierselige, lärmende Ballermann-Fans. Nachtleben haben die Inseln ebenso wenig zu bieten wie lange Sandstrände. Wer dagegen Ruhe und eine weitgehend intakte Natur sucht, der kommt dort auf seine Kosten. Vor allem sind es Wanderer, die es hierher zieht. Holprige, steile Maultierpfade erschließen den letzten Winkel der grünen Inseln. Bis heute dient das Lasttier auf den abgelegenen Bauernhöfen als einziges Transportmittel.

Eine Regenjacke sollte in keinem Rucksack fehlen. Das Wetter zeigt sich launisch und kann innerhalb von Minuten dramatisch umschlagen. Dann schüttet es aus heiterem Himmel wie aus Kübeln, doch genauso schnell ändert sich das Wetter erneut, lässt die Wolkendecke aufreißen und zaubert einen traumhaften Regenbogen an das Firmament.

Jede der neun Atlantikinseln hat ihren eigenen Charakter und Reiz. In der Abgeschiedenheit entwickelten sich verschiedene Dialekte, Gebräuche und handwerkliche Fähigkeiten. Gerademal sechseinhalb Kilometer misst Corvo, das ursprünglichste und kleinste Eiland. Rund 600 Kilometer Wasser trennen den Winzling von der größten Insel São Miguel.

Und der Abstand wird immer größer: Während Corvo auf der amerikanischen Platte in Richtung New York driftet, bewegt sich die große Schwester jährlich 15 Zentimeter auf Portugal zu. Nach Europa zieht es auch die mittlere Insel Terceira, deren Bewohner bekannt sind für ihre Lust am Feiern. "Wir verdienen Geld, sie machen Partys", spöttelt Catharina Cymbron, die auf São Miguel eine Reiseagentur leitet. Auf dieser Insel leben rund die Hälfte der 250 00 Azorer, 63 000 Menschen wohnen allein in der Universitätsstadt Ponta Delgada, dem wirtschaftlichen Zentrum des Archipels.

Groß ist der Kontrast zu den einsamen Bergdörfern im Landesinneren von São Miguel, der wohl abwechslungsreichsten aller neun Inseln. Erloschene Vulkane, so genannte Caldeiras, zählen zu den touristischen Höhepunkten des gesamten Archipels. Zwölf Kilometer misst der von Hortensien überwucherte Rand des Kraters von Sete Cidades. Mehrere hundert Meter tief auf dem Grund des Vulkans funkeln zwei Seen, an dessen Ufern Kleinbauern siedeln.

Unbewohnt ist dagegen das Ufer des Lagoa do Fogo, eines weiteren Vulkansees im Zentrum von São Miguel. Nach einem schweißtreibenden Aufstieg durch Haine aus Eukalyptus und Baumheide lockt ein Bad in dem smaragdgrünen Gewässer, in das eine sandige Lagune ragt.

In der legendären Marina von Horta auf der Insel Faial werfen Nomaden der Meere auf dem Weg zwischen Europa und Amerika ihre Anker. Über 1000 Boote legen dort pro Jahr an, vom restaurierten Segelschoner über den Hightech-Katamaran bis hin zum mehrstöckigen Luxuskreuzer. Skipper aus aller Welt haben den Hafen in ein Gesamtkunstwerk verwandelt.

Ulrich Willenberg

Reisetipps

Geografisches:

Die Azoren sind ein Archipel mitten im Atlantik zwischen Europa und Nordamerika mit neun Inseln. Dort leben nach der letzten Volkszählung (2001) rund 240 000 Einwohner. Es herrscht ein gemäßigtes Klima ohne große Temperaturschwankungen.

Anreise:

Direktflug von Frankfurt/Main nach Ponta Delgada mit der Airline SATA. Oder via Lissabon zum Beispiel mit Fluggesellschaft TAP. Es gibt Flug- und regelmäßige Schiffverbindungen zwischen allen Inseln.

Aktivitäten

Pottwale, Bartenwale und Delfine kommen seit Jahrtausenden in die Gewässer um die Azoren, weil sie dort reichlich Nahrung finden. Auf mehrstündigen Bootsexkursionen lassen sich diese Tiere beobachten.

Informationen:

Portugiesisches Touristenbüro, Schäfergasse 17, 60313 Frankfurt/Main Tel. 0180/5004930 Mail: frankfurt@portugalglobal.pt

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