Ärzte Zeitung online, 19.06.2009

Polizei im Jemen kommt Kidnappern angeblich näher

SANAA(dpa). Die im Jemen verschollenen deutschen Geiseln werden immer mehr zu einem Objekt politischer Ränkespiele in dem arabischen Land. Die halbamtliche Zeitung "Al-Thawra" berichtete am Freitag unter Berufung auf Angehörige der Sicherheitskräfte in der Provinz Saada, die Polizei habe zwei mutmaßliche Entführer identifiziert.

Oppositionelle und unabhängige Beobachter meldeten jedoch sofort Zweifel an dem Bericht an. Darin heißt es, nach den beiden Hauptverdächtigen, die namentlich bekannt seien, werde nun intensiv gesucht. Sie stammten aus dem Nuschur-Tal, in dem die Leichen von drei Geiseln gefunden worden waren.

Die Behörden wüssten auch, in welcher Region sich die beiden Männer derzeit aufhielten, hieß es in dem Bericht weiter. Das Gebiet werde von Murschid Dschawar, einem Mitglied der schiitischen Houthi-Rebellenbewegung, kontrolliert.

Ein Sprecher der schiitischen Rebellengruppe von Abdulmalik al- Houthi sagte dagegen: "Anstatt immer wieder solche substanzlosen Erklärungen zu verbreiten, sollten sie sich besser auf die Fahndung konzentrieren." Der Bericht über die angeblichen Täter sei womöglich eine bewusste Falschmeldung der Regierung, die den Rebellen das Verbrechen in die Schuhe schieben wolle, um eine neue militärische Offensive gegen sie zu rechtfertigen. Am Donnerstag hätten die Regierungstruppen in mehreren Ortschaften angegriffen, die von den Houthi-Anhängern kontrolliert würden.

Von der fünfköpfigen Familie aus Sachsen und dem ebenfalls verschleppten britischen Ingenieur fehlt derweil jede Spur. Sie sind seit dem Überfall der Entführer vom Freitag vergangener Woche verschollen. Drei Frauen, zwei deutsche Pflegehelferinnen und eine koreanische Lehrerin, hatten die Geiselnehmer schon kurz nach dem Überfall erschossen.

Die Leiche der 34 Jahre alten Koreanerin wurde am Freitag nach Südkorea übergeführt. Die Geiselnehmer hatten die Ausländer, die im Dschumhuri-Krankenhaus in Saada arbeiteten, am Freitag während eines Ausfluges überfallen. Zu der Entführung hat sich bislang niemand bekannt.

Das Innenministerium in Sanaa meldete unterdessen, in der nördlichen Provinz Amran hätten Kidnapper zwei Geiseln aus Saudi- Arabien freigelassen, die dort verschleppt worden seien. Die beiden Männer seien von Anhängern Al-Houthis am vergangenen Sonntag entführt und am Donnerstag wieder freigelassen worden. Zwei Stammesscheichs hätten die Freigelassenen begleitet. Die Houthi-Bewegung wirft Saudi-Arabien vor, es unterstütze die jemenitische Regierung und die mit ihr verbündeten Stämme finanziell im Kampf gegen die Rebellen.

Mitglieder der Rebellenbewegung, der die Regierung in Sanaa enge Beziehungen zur iranischen Regierung nachsagt, hatten in den vergangenen Tagen ihrerseits behauptet, General Ali Mohsen al-Ahmar habe Verbindungen zu den mutmaßlichen Entführern gehabt. Der Kommandeur der Regierungstruppen in Saada ist ein Halbbruder von Präsident Ali Abdullah Salih. Ein ehemaliger Kommandeur der jemenitischen Marine, der 2005 mit seiner Familie in Großbritannien politisches Asyl beantragt hatte, behauptete damals, Al-Ahmar habe Kontakt zu den Terroristen der Islamischen Armee von Aden-Abjan gehabt, die 1998 im Jemen 16 westliche Touristen entführt hatte.

Während einer gewaltsamen Befreiungsaktion der jemenitischen Sicherheitskräfte waren seinerzeit im Kugelhagel drei Briten und ein Australier ums Leben gekommen. Al-Ahmars Aufgabe war es damals gewesen, für die "Reintegration" der zurückgekehrten arabischen "Gotteskrieger" aus Afghanistan zu sorgen.

Topics
Schlagworte
Reise (2100)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Ärzte können künftig Medizinalhanf verordnen

Nach jahrelanger Debatte regelt das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu. Krankenkassen müssen künftig die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »