Ärzte Zeitung online, 31.08.2009

Paris-Schock macht Japaner krank

PARIS (dpa). Es ist ein Schock wie beim plötzlichen Ende einer innigen Liebe. Manche geraten dann ganz aus der Bahn. Sie werden depressiv, fühlen sich verfolgt oder schaffen keinen Schritt mehr aus dem Haus. Die Enttäuschung ist zu groß, um einfach so weiterzuleben - die Enttäuschung über Paris. Am Ende helfen nur ein Aufenthalt in der Klinik und die Heimreise. Diagnostiziert wird das "Paris-Syndrom" ausschließlich bei Japanern.

Bis zu 100 harte Fälle gibt es jedes Jahr. "Ich war so deprimiert, ich wollte gar nicht mehr rausgehen", sagte der Japaner Kenzo in einer Reportage des TV-Senders M6. "Ich konnte nicht mehr gehen, brauchte einen Krückstock. Das war natürlich psychosomatisch." Kenzo habe sogar im Zimmer gewütet, berichtet seine Therapeutin.

Viele der 700.000 Japaner, die jährlich Frankreich besuchen, idealisieren die Seine-Metropole und sind schockiert, wenn sie am Ziel ihrer Träume sind. Paris, das heißt für sie gepflegte Kultur und feine Küche, raffiniert gekleidete Frauen, elegante Herren und höflicher Umgang. Doch dann erleben sie gestresste Großstädter in Jeans, die hastig durch die Metrogänge drängen. Es ist laut und oft schmutzig und der ungehobelte Kellner bringt erst nach langem Warten einen schlechten Kaffee. So hatte Paris in der Werbung von Louis Vuitton oder L'Oréal nicht ausgesehen.

Richtig hart wird es für diejenigen, die an der Seine länger leben und arbeiten wollen. Als klassisches Beispiel nennen Mediziner junge Mädchen aus gutem Hause, die mit romantischen Vorstellungen Kunstgeschichte studieren. Sie stoßen auf langsame Behörden, rüde Makler und unverständliche Prozeduren. Gesprächspartner kommen unpünktlich, reden dazwischen und gestikulieren. Viele empfinden das als Aggression. Der Arzt Olivier Barles, der für die Organisation International SOS betroffene Japaner heimgeflogen hat, führt das auf die "brutale Konfrontation japanischer Harmonie mit der sichtbare Unordnung in Frankreich" zurück. Offene Rede und rüde Witze könnten instabile Menschen hart treffen, sagte Barlesw der Website newzy.

In seinem Buch "Pari shôkôgun" ("Das Paris-Syndrom") hatte der japanische Psychiater Hiroaki Ota dem Phänomen bereits in den 1990er Jahren einen Namen gegeben. Ota hatte als Psychiater am Pariser Sainte-Anne-Krankenhaus viele Patienten mit dem Syndrom behandelt. Fachleute sprechen nicht von einer Krankheit, sondern von einer psychischen Störung mit somatischen Symptomen wie Angst, Schlaflosigkeit, Obsessionen und dem Gefühl, von den Franzosen verfolgt zu werden.

Die Japanerin Sae Shimai ließ sich nach einem Paris-Aufenthalt davon zu einem Film inspirieren. Ihr Streifen "Paris-Syndrom" (2008) basiert auf der Arbeit von Professor Ota - und der gleichnamigen Novelle des Franzosen Philippe Adam von 2005 (Verlag Inventaire- Invention). In dem Film geht die Sekretärin Chiharu nach Paris, um Kunstgeschichte zu studieren, und fühlt sich dort kulturell und sozial isoliert. Ihr höchst seltsamer Psychiater diagnostiziert das "Paris-Syndrom".

Internet-Blogger streiten, ob das Paris-Syndrom den kulturellen Gegensatz Japan-Frankreich zeige oder nur Denkschablonen spiegele. "Es geht ganz einfach um die Schwierigkeit, als Ausländer in Frankreich zu leben oder allgemeiner, irgendwo als Ausländer zu leben!", schreibt ein Blogger. Auf anstrengenden Reisen könnten psychisch Labile durchaus spektakuläre Symptome entwickeln, erklärt Otas Psychiaterkollege Yousef Mahmoudia.

Ein gutes Mittel gegen das Paris-Syndrom hat der Ex-Banker Yoshikazu Sekigushi gefunden. Sekigushi gründete 2006 in Paris die "green birds" und mobilisiert seitdem wie das japanische Vorbild für eine saubere und lebenswerte Seine-Metropole. Vor den Augen erstaunter Touristen packen die "Pariser Japaner" alle paar Wochen den Besen aus und sammeln Kippen und McDonald's-Tüten auf. Vor dem Eiffelturm haben sie schon Abfall gesammelt und auf den Champs- Élysées auch. "Wir wollen Paris attraktiver machen", sagt ein green-bird-Aktivist. "Das hilft auch gegen das Paris-Syndrom."

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