Ärzte Zeitung, 17.09.2011

Indische Heilkunde statt Weinkunde

Wer in das Weinstädtchen Traben-Trabach an die Mosel fährt, gibt sich in der Regel der Winzerkunst hin. Doch in einem stillen Seitental findet auch indische Heilkunst statt.

Von Ruth Ney

Indische Heilkunde statt Weinkunde

In gehobenem Fünf-Sterne-Ambiente die indische Heilkunde genießen, das ist das Konzept des Parkschlösschens in Bad Wildstein.

© Ruth Ney

Schon das Ankommen lässt erahnen, dass man hier an der Pforte seinen hektischen Alltag erst einmal abgeben kann. Vor einem waldigen Hang liegt ein malerisches Fachwerkhaus mit Jugendstil-Anbau, nach rechts und links erstreckt sich ein ruhiger, idyllischer Park mit altem Baumbestand, darunter ein imposanter, kirchturmhoher Mammutbaum.

Im Parkschlösschen ist alles ayurvedisch

Das Bedürfnis nach Ruhe für Körper und Geist ist auch der Grund für die meisten Gäste, die aus ganz Deutschland und Europa nach Traben-Trabach ins Parkschlösschen kommen. Viele von ihnen machen eine Panchakarma-Kur, eine Entgiftungstherapie inklusive Alkohol- und Kaffeeabstinzenz, Einläufen und Diät.

Das Besondere am Parkschlösschen: hier ist alles ayurvedisch. Das 1990 von der Industriellen-Familie Preuß erworbene ehemalige Kurhaus wurde stringent nach ayurvedischen Gesichtspunkten umgebaut und gestaltet bis hin zur richtigen Ost-West-Ausrichtung der Betten, der Farbgestaltung und der Isolierung von Elektro- und Wasserleitungen.

Auch die vegetarische Küche in dem Fünf-Sterne-Haus folgt den ayurvedischen Prinzipien - man glaubt gar nicht, wie gut leichte Kost schmecken kann, weit entfernt von fader Kur- und Diätkost.

Ärzteteam koordiniert den Behandlungsplan

Die Therapie, die von einem Team aus einem indischen Ayurveda-Meister - dem Vaidya (Wissender) -, einem indischen Ayurveda-Arzt und einem deutschen Mediziner mit Zusatzqualifikation in den Bereichen Ayurveda, Naturheilkunde, Schmerz- und Physiotherapie koordiniert werden, sind ohnehin ayurvedisch. Das fängt mit der Pulsdiagnose an.

Nach einem kurzen Blick auf den Fragebogen, den ich zuvor ausgefüllt habe, werde ich von Dr. Gerd-Steffen Bigus gebeten, dazu auf einer Liege Platz zu nehmen. Er nimmt meine linke Hand, legt seine Finger sanft auf den Puls und blickt konzentriert: "Ihr Pitta ist viel zu hoch!", so sein Fazit.

Indische Heilkunde statt Weinkunde

Physiotherapie ergänzt die Ayurvedatherapie.

© Ayurveda Parkschlösschen

Das ist typisch bei zu viel Stress, was mich zunächst wenig wundert. Aber dann skizziert er ziemlich treffsicher mein Befinden weit über das hinaus, was er aus dem Fragebogen hat erfahren können. Ich werde zudem gedreht, gezogen und gedehnt, um Beinlängendifferenzen auszugleichen, und auf das bislang kaum wahrgenommen Knacken meines Kiefergelenks angesprochen.

Hier setzen dann auch physiotherapeutische Maßnahmen für mich an.

Generell wird aufgrund der Pulsdiagnose und der körperlichen Untersuchung bei allen Patienten der Dosha-Typ (Vata, Pitta, Kapha, Mischtypen) ermittelt und wo derzeit Störungen vorliegen. Daraus ergibt sich der individuelle Ablauf der Therapie. Denn die Doshas beschreiben bekanntlich die fundamentalen Regelsysteme des Ayurveda, die es durch Vorsorge und Therapie im Gleichgewicht zu halten gilt.

Auch physiotherapeutische Maßnahmen

Um dieses Gleichgewicht noch besser zu erreichen, werden neuerdings im Parkschlösschen gezielt auch physiotherapeutische Maßnahmen in das ayurvedische Gesamtkonzept eingebunden.

"Mithilfe der Physiotherapie können wir vielen Gästen helfen, die gewünschte muskuläre Aktivität wiederzugewinnen, wie sie im Ayurveda etwa für Yoga-Übungen nötig ist, aber auch für Krankengymnastik, Rolfing oder andere Bewegungsangebote", erläutert Dr. Bigus.

Die ayurvedischen Massagen greifen im Vergleich dazu mehr in den Stoffwechsel ein - von der Entgiftung über die Entsäuerung und die Harmonisierung der einzelnen Doshas.

"Wir haben hier die Möglichkeit, gerade bei bereits chronischen Beschwerden und Veränderungen sowohl konzeptionell mit ayurvedischen Methoden an den Stoffwechsel des gestörten Muskels und des ganzen Körpers heran zu gehen als auch über die vegetative Steuerung eine Entspannung weitgehend aller Muskeln zu erreichen", ist der Mediziner überzeugt.

Ayurveda-Kurangebote in Deutschland

Wer sich nach der indischen Heilkunde behandeln lassen und etwa eine Panchakarmakur, die Königstherapie des Ayurveda, machen möchte, braucht dazu nicht bis nach Indien zu fahren. Qualifizierte Angebote gibt es auch in Deutschland, z. B.:

Parkschlösschen in Traben- Trabach, T: 0 65 41 / 7 05 - 0, www.parkschloesschen.de
Ayurveda-Klinik in der Habichtswaldklinik, Kassel Bad-Wilhelmshöhe, T: 0 56 13 / 1 08 99, www.ayurveda-klinik.de
AUM-Kurzentrum in Pfedelbach-Gleichen, T: 0 79 49 / 5 90, www.ayurvedakuren.com
Maharishi Ayurveda, Privatklinik Bad Ems, T: 0 26 03 / 94 07 - 0 www.ayurveda-badems.de

Generell brauche es zwar seine Zeit, bis alte Bewegungsmuster und muskuläre Dysbalancen aufgehoben seien - das sei allein mit dem Aufenthalt im Parkschlösschen auch nicht zu erreichen.

In der Ruhe wirkt sogar eine Physiotherapie besser

"Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die entspannte Atmosphäre im Haus und das Rundumkonzept dafür sorgen, dass die Physiotherapie viel erfolgreicher wirkt als im normalen Alltag, wenn Patienten schnell mal zwischen Kindern und Arbeit oder noch mit Handy am Ohr und dem Kopf voller Termine in die Krankengymnastik gehetzt kommen."

Der Mensch sei nun mal keine Maschine, so Bigus. Jeder Reiz in unserer Umwelt habe einen Einfluss auf ihn, der in den gesamten Körper reflektiert wird. Insofern biete das Parkschlösschen eine günstige Konstellation.

Die Folge: "Bei vielen Gästen, die zunächst sagen, dass sie schon alles probiert und zuhause einen tollen Physiotherapeuten hätten, kommt es zum AHA-Effekt: Mensch, da geht ja doch noch was!", ergänzt die agile Physiotherapeutin Ruth Mausbach, die nicht nur mit fachkundigen Händen, sondern auch mit ihrem rheinischem Charme die Gäste auflockert.

Tage vergehen wie im Flug und enden mit dem "Haussekt"

Für mich vergehen die nächsten Tage im Flug mit vierhändig ausgeführten Ganzkörpermassagen kombiniert mit Reisstempeln (Pinda-Sveda), entspannender Fußmassage, Yoga, physiotherapeutischen Anwendungen und ruhigen Spaziergängen.

Sie enden allabendlich mit einem Gläschen Ayurveda-Tee oder "Haussekt", wie das überall angebotene frisch abgekochte heiße Wasser frech genannt wird.

Nach drei Tagen breche ich wieder auf in meinen vollgepackten Alltag - aber entspannt wie nach einer Woche Urlaub, mit dem Rezept für das leckere warme Müsli mit gedünstetem Obst in der Tasche, vielen Übungen für Hals- und Rücken sowie dem festen Vorsatz, alles etwas gelassener anzugehen.

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