Ärzte Zeitung online, 12.10.2011

Brandsätze halten Berlin in Atem - Bundesanwälte ermitteln

Mehr als ein Dutzend Brandsätze hat die Polizei seit Wochenbeginn an Bahnstrecken entdeckt. Wer genau hinter den Anschlägen steckt, ist unklar. Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft.

BERLIN (dpa). Nach immer neuen Funden von Brandsätzen an Bahnanlagen im Großraum Berlin hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Es bestehe der Verdacht der "verfassungsfeindlichen Sabotage", sagte ein Sprecher der Behörde am 12. Oktober in Karlsruhe. Das Bundeskriminalamt (BKA) sei mit der Aufklärung beauftragt worden.

Bahn setzt Belohnung von 100.000 Euro für Ergreifung der Täter aus

Die Bahn setzte eine Belohnung von 100.000 Euro für die Ergreifung der Täter aus. Am dritten Tag in Folge wurden am 12. Oktober in Berlin Brandsätze an Gleisen der Bahn entdeckt, bis zum Abend waren es schon 16.

Dadurch waren zeitweise zwei der drei wichtigen ICE-Verbindungen von und nach Berlin gestört. Bundesweit verspäteten sich seit Montag rund 2000 Züge. Zehntausende Reisende waren betroffen.

Die Politiker sind uneins, ob es sich bei den Taten um eine neue Dimension linksextremer Gewalt handelt. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) verurteilte die versuchten Brandstiftungen als "verbrecherische terroristische Anschläge".

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ist unter anderem zuständig für die Verfolgung terroristischer Gewalttaten. Ein Sprecher sagte, "Ausmaß und Anzahl der Anschläge" sprächen für eine besondere Bedeutung des Falles.

"Verfassungsfeindliche Sabotage" setze voraus, dass sich die Täter "absichtlich für Bestrebungen gegen den Bestand oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder gegen Verfassungsgrundsätze" einsetzen.

Polizei geht von linksextremistischen Tätern aus

Die Polizei geht davon aus, dass alle Brandsätze gleichzeitig von mutmaßlich linksextremistischen Tätern deponiert wurden. Insgesamt wurden bislang mindestens 16 Brandsätze in der Hauptstadt und dem Umland sichergestellt.

Die Polizei schloss nicht aus, dass es noch weitere Sprengsätze gibt. Bislang konnten keine Täter gefasst werden. Verletzt wurde niemand.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bekräftigte am 12. Oktober in Berlin, dass die uniformierten und zivilen Streifen verstärkt würden. Zudem würden Hubschrauber eingesetzt.

Friedrich sagte, er sei "außerordentlich besorgt" wegen der Anschläge und Anschlagversuche. Die Bahn prüft nach Angaben des Sicherheitschefs Gerd Neubeck, ob weiteres Sicherheitspersonal eingestellt wird.

Nach den ersten Anschlägen war am 10. Oktober ein Bekennerschreiben im Internet aufgetaucht. Eine linksextreme Gruppe protestierte darin gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

Sicherheitsbeauftragter schließt weitere Funde nicht aus

Der Bahn-Sicherheitsbeauftragte schloss nicht aus, dass in den nächsten Tagen weitere Brandsätze gefunden werden. "Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir die Strecken rund um Berlin in Kreisen, die wir immer erweitern, absuchen. Dabei ist es natürlich denkbar, dass man auf weitere Brandsätze stößt", sagte Neubeck. Die Fahrgäste müssten sich trotzdem keine Sorgen machen.

An der ICE-Strecke Richtung Hannover wurden an der Landesgrenze zu Brandenburg Überreste eines gezündeten Brandsatzes gefunden. Er war vermutlich schon am 10. Oktober explodiert, hatte aber die Kabel kaum beschädigt, so dass der Zugverkehr nicht beeinträchtigt wurde. In der Nähe lagen noch zwei weitere Brandsätze, die nicht gezündet hatten.

In der Nähe des Bahnhofes Südkreuz südlich der Innenstadt entdeckten Polizisten im Lauf des Tages zwei Brandsätze. Einer lag am S-Bahnring, der zweite wenige hundert Meter entfernt.

Brandsätze waren in Kabelschächten deponiert

Die Täter verwendeten meist Plastikflaschen, die mit Benzin gefüllt und mit Zündern versehen waren. Sie wurden in Kabelschächten deponiert und sollten Leitungen zerstören, mit denen Weichen und Signale gesteuert werden. Eine Gefahr für Menschen sahen Experten nicht, weil bei einem Ausfall der Technik alle Züge gestoppt werden.

Züge Richtung Hannover wurden am 12. Oktober umgeleitet. Die direkte Strecke nach Hamburg war schon seit Montag gesperrt. Dort hatte sich ein Brandsatz entzündet.

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