Ärzte Zeitung, 12.05.2012

Eine Exkursion auf dem Weg der Sinne

Er beginnt im Sauerland und endet am Fuße des Westerwalds: der Rothaarsteig, ein Fernwanderweg, der immer mehr Menschen anzieht, die Natur erleben wollen - hautnah und mit allen Sinnen.

Von Christoph Fuhr

Eine Exkursion auf dem Weg der Sinne

Oh Täler weit, oh Höhen: Wanderer auf dem Rothaarsteig zwischen Schmallenberg und Brilon.

© dpa

"Oh Täler weit, oh Höhen, oh schöner grüner Wald" heißt es im Gedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff, das einst Felix Mendelssohn vertont hat.

"Kennen Sie dieses Lied?" will Franz Weber wissen. Der Rentner aus Oberhausen wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. "Hier, genau an diesem Ort müsste es gesungen werden, am besten von einem Männerchor, das wäre die perfekte Szenerie."

Von einem Aussichtspunkt am südlichen Rothaarsteig aus lässt der Mann seinen Blick auf die Dörfer des Siegerlands schweifen.

"Was für eine tolle Landschaft", sagt er, und packt aus seinem kleinen Rucksack einen Müsliriegel aus. Es ist Zeit für eine Rast, die Tour in Richtung Süden ist noch lang.

"Weg der Sinne" - unter diesem Motto ist vor elf Jahren der Rothaarsteig gestartet worden. Natur erleben - hautnah und mit allen Sinnen, das ist der Kern des Konzepts für diesen Fernwanderweg.

Ein echtes Erfolgsmodell, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Jahr für Jahr kommen etwa 1,5 Millionen Wanderer, eng wird es auf dem Steig dennoch nie.

Waldsofas und Vesperinseln

Bei einer Länge von 154 Kilometern hat jeder die Chance, alleine oder auch in Gruppen mit Gleichgesinnten Natur pur zu genießen.

Auf Schritt und Tritt inszeniert der Weg der Sinne das Wandern. Die Tour führt durch das Sauerland, das Wittgensteiner Bergland und das Siegerland. Im Süden überschreitet der Wanderweg die hessische Landesgrenze und endet schließlich in Dillenburg am Fuße des Westerwaldes.

Der Rothaarsteig gilt als einer der schönsten Höhenwege in Europa. Das liegt auch am innovativen Konzept, mit dem das Projekt gestartet wurde. Geschwungene Waldsofas, originelle Schutzhütten und Waldliegen sind an der Strecke zu finden.

Darüber hinaus passiert der Weg viele naturkundliche oder historisch interessante Anlaufpunkte in NRW und Hessen. "Ich bin mein Leben lang ein Wandersmann gewesen", verrät Rentner Schneider euphorisch, "aber das hier ist die Krönung."

Der "Kyrill", ein schwerer Orkan hat im Januar 2007 das Rothaargebrige mit voller Wucht erwischt und verheerende Spuren hinterlassen. Ein 1000 Meter lange Pfad ist in diesen Ort der Verwüstung hineingebaut worden.

Auf Stegen und Trittleitern gelangen Besucher zu aufgerichteten Wurzeltellern und zu umgestürzten Bäumen.

Nicht fehlen dürfen auf dem Weg die Rothaarsteig-Ranger, wie man sie aus US-amerikanischen Nationalparks kennt. Sie wissen alles über den Steig, und bieten sich auch als Begleiter bei Erlebniswanderungen an.

Hotels profitieren vom Boom

Hotels und Gastwirte entlang der Strecke profitieren vom Boom. Berechnungen haben ergeben, dass ein Tagesgast 15 Euro ausgibt, ein Übernachtungsgast läßt 50 Euro in der Region. Hochgerechnet auf die 1,2 Millionen Tageswanderer und 300.000 Wander-Kurzurlauber ist das ein stolzer Jahresumsatz von rund 33 Millionen Euro.

Über den Fernwanderweg gelangen Naturfreunde übrigens auch im Laufschritt: Der Rothaarsteig-Marathon ist in der Szene längst mehr als nur ein Geheimtip. Läufer und Nordic Walker aus ganz Deutschland kommen einmal im Jahr, ein echter Volkslauf, der überregionale Bedeutung hat.

Zurück zur Aussichtsplattform, wo Wandersmann Schneider inzwischen seinen Proviant verzehrt hat. Eine Gruppe mit Speedhikern ist angekommen. Das sind Vertreter eines neuen Trendsports, bei dem mit Stöcken und viel Power Ausdauer trainiert wird.

Das Gelände ist anspruchsvoll, hier wird Kondition gebolzt, die Pulsfrequenz der Sportler bleibt hoch.

Welche Musik ist angesagt, wenn der Rothaarsteig im Laufschritt bewältigt wird? Romantische Volkslieder vom Wald, wie sie dem Seniorenwanderer Schneider gefallen würden? Speedhiker Simon Krüger sortiert die Ohrhörer seines MP-3-Players und grinst.

"Ich höre auf der Strecke grundsätzlich Hard Rock", stellt er klar, "was denn sonst". Aber wo bleibt bei dieser Musik noch das Gefühl für den Weg der Sinne? Krüger winkt ab.

"Auf dem Rothaarsteig wird jeder nach seiner Façon selig", sagt er. "Hauptsache, es macht Spaß."

www.rothaarsteig.de

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