Ärzte Zeitung, 18.06.2008

Alte Rollenbilder? Verpasste Berufschancen!

Vor allem junge Männer blenden Berufsperspektiven in Wachstumsbranchen wie dem Gesundheitswesen oft aus

BERLIN (eb). Der Berufsbildungsbericht 2008 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) lässt keinen Zweifel; Die Berufswahl von Jugendlichen folgt oft überholten Geschlechterrollen. Vor allem junge Männer berücksichtigen zu wenig den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Chancen in Wachstumsbranchen wie dem Gesundheitswesen werden ausgeblendet.

 Alte Rollenbilder? Verpasste Berufschancen!

Lernen am Pflegebett: Die Gesundheitsbranche bietet auch jungen Männern Berufsperspektiven.

Foto: imago

Jedes Jahr stehen Schulabgänger vor der Entscheidung, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Die aktuellen Zahlen stimmen auf den ersten Blick optimistisch: 2008 wurden fast 40 000 mehr offene Lehrstellen angeboten als im Vorjahr. Aber der Schein trügt: Trotz 344 Ausbildungsberufen, die zur Auswahl stehen, drängt der Großteil der Schulabgänger in einige wenige Berufe. Aufgrund des Überhangs an Bewerbern bleiben viele der Interessenten auf der Strecke. Paradoxerweise sind die beliebtesten Berufe nicht unbedingt jene mit den besten Zukunftsaussichten.

Die Zahlen des Berufsbildungsberichts 2008 (BB) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sprechen eine deutliche Sprache: So entscheiden sich junge Frauen bei der Wahl des Ausbildungsplatzes überwiegend für "typisch weibliche Berufe" wie Bürokauffrau (6,9 Prozent aller weiblichen Auszubildenden) oder Kauffrau im Einzelhandel (6,6 Prozent). Allein diese beiden Berufe verzeichneten im Jahr 2007 84 000 Auszubildende. Junge Männer wählen dagegen traditionell technische Berufe. An der Spitze der Hitliste steht Kraftfahrzeugmechatroniker. 7,7 Prozent aller männlichen Auszubildenden wählen diesen Berufszweig. Industriemechaniker folgen mit 5,2 Prozent auf Platz zwei.

Addiert man die Zahlen der zehn beliebtesten Berufe, wird das Problem in seiner Dimension deutlich: Die zehn mit Frauen am stärksten besetzten Berufe umfassen 53,3 Prozent der weiblichen Auszubildenden, 36,9 Prozent aller männlichen Auszubildenden verteilen sich auf die zehn mit Männern am stärksten besetzten Berufe. Mädchen und Jungen lassen sich demnach bei ihrer Berufswahl stark von stereotypen Berufsbildern leiten.

Die meisten der von jungen Männern favorisierten Berufe fallen in den Bereich Produktion und Baugewerbe. Doch gerade dieser Sektor ist wie kein zweiter betroffen durch den Wandel weg von der Industrie- und hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Immer mehr Stellen in Bereichen der klassischen Fertigung brechen in Deutschland weg.

Chancen in boomenden Wirtschaftszweigen wie der Gesundheitsbranche werden aufgrund von tradierten Rollenbildern oft ausgeblendet. Wie stark solche Vorurteile greifen, demonstriert ein Vergleich: Während männliche Azubis das duale Ausbildungssystem mit einem Anteil von fast 60 Prozent dominieren, beträgt der Anteil männlicher Schüler an den Berufsfachschulen des Gesundheitswesens lediglich 18  Prozent. Damit geht das starke Wachstum der Gesundheitsbranche zum Teil an den männlichen Schulabgängern vorbei. Und das trotz starker Argumente für diesen Wirtschaftszweig. Denn laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey (05/2008) hat er der Automobilbranche den Rang als Jobmotor abgelaufen. Bis 2020, so die Studie, werden im Gesundheitssektor eine Million neue Stellen entstehen. "Die Jungs müssen endlich aus dem alten Rollenschema ausbrechen und die Chancen, die das Gesundheitswesen bietet, wahrnehmen", fordert Professor Jochen Medau, Leiter der Medau-Schule für Physiotherapie/Gymnastik und Logopädie in Coburg und lange Jahre Vorsitzender des Bundesverbandes staatlich anerkannter Berufsfachschulen für Gymnastik und Sport. "Die Berufe, für die wir ausbilden, gelten noch immer als typisch weiblich, dabei bieten sie Männern genauso gute Karrierechancen", so der Experte.

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