Ärzte Zeitung online, 07.08.2009

Begründer der Leibeserziehung - Reformpädagoge GutsMuths zum 250.

SCHNEPFENTHAL (dpa). Bocksprung, Stelzenlauf, Balancieren auf schwankendem Balken - diese klassischen Turnübungen stammen alle von Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839). Der Thüringer Pädagoge und Begründer der Leibeserziehung hat auch "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn inspiriert, in dessen Schatten er heute steht.

Mehr als 50 Jahre lang war GutsMuths Lehrer am Salzmannschen Philantropinum in Schnepfenthal am Rande des Thüringer Waldes. Dort gab er dem Turnen und dem Schulsport entscheidende methodische und praktische Impulse. Mit dem internationalen Symposium "GutsMuths - Der Letzte der Philanthropen" sowie einem Festakt und Gedenkspielen erinnert die Schule am 9. August an seinen 250. Geburtstag.

Bereits 1793 hat GutsMuths in seinem Werk "Gymnastik für die Jugend" seine neuen Turnübungen und Geräte vorgestellt, von denen viele bis heute zum Sportunterricht gehören. Jahn besuchte GutsMuths 1807 und holte sich Anregungen für seinen Turnplatz, erzählt Dirk Schmidt, Direktor der Salzmannschule, die heute Staatliches Sprachengymnasium ist. "Die beiden Männer beeinflussten sich jedoch gegenseitig."

Mit der Tagung will die Schule den Blick auf die gesamte pädagogische Leistung GutsMuths lenken. "GutsMuths auf Sportpädagogik zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Er lehrte Sport und Geografie und gab einen praxisorientierten Unterricht bis zu den Grundlagen des Glasschleifens", erläutert Schmidt. Mehr als 20 Jahre war er auch Herausgeber der ersten pädagogischen Fachzeitschrift "Die Bibliothek der pädagogischen Literatur" in Deutschland.

GutsMuths, in Quedlinburg geboren, bekannte sich zur Französischen Revolution und den von der Nationalversammlung proklamierten Menschenrechten. Er förderte die freiheitliche Selbstentfaltung seiner Zöglinge, war gegen einseitiges Pauken und für eine körperliche Ausbildung an den Schulen. "Ihr lehrt Religion, ihr lehrt sie Bürgerpflicht; auf ihres Körpers Wohl und Bildung seht ihr nicht", warf er in die damalige Bildungsdebatte ein.

"Die Hauptabsicht der Erziehung ist schon seit Jahrhunderten, dass eine gesunde Seele in einem starken Körper sey", war seine Überzeugung. In diesem Geiste ist auch vor Jahrzehnten der GutsMuths-Rennsteiglauf ins Leben gerufen worden. Der Crosslauf über den Höhenweg im Thüringer Rennsteig, zieht jährlich etwa 15 000 Läufer und Wanderer an.

GutsMuths Wahlspruch war: "Man treibe Gymnastik, um zu leben, aber lebe nicht, um Gymnastik zu treiben." Sport hatte für GutsMuths oft einen ganz praktischen Hintergrund, erzählt Pädagogin Doris Lehrer. Das Klettern und Balancieren an schrägem Klettergerüst sollte die Jungs zum Beispiel fit machen, um einem möglichen Feuer in ihren Schlafräumen unterm Dach zu entkommen. Noch heute gibt es in Schnepfenthal das sogenannte Traditionsturnen. In weißer Hose und roter Jacke - wie die Zöglinge vor rund 200 Jahren - absolviert die Turnerriege dabei auf dem Waldturnplatz Stelzenlauf, Viererschlusssprung und Bocksprung.

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