Ärzte Zeitung online, 09.09.2009

Akademiker oder Facharbeiter? Junge Menschen sind unsicher

BERLIN (dpa). Noch nie machten in Deutschland so viele junge Menschen Abitur wie zur Zeit. Und noch nie schrieben sich so viele für ein Studium ein wie im vergangenen Jahr. Doch noch nie verzichteten zugleich auch so viele trotz Abitur oder Fachhochschulreife auf ein Hochschulstudium. Die Unsicherheiten über Sinn und Wert einer akademischen Ausbildung sind bei den jungen Menschen groß.

Ein Zahlenvergleich von Abiturienten- und Studienanfängerzahl aus den vergangenen fünf Jahren belegt den paradoxen Trend: 2008 verließen fast 20 Prozent mehr junge Menschen ihre Schule mit dem Zeugnis der Hochschulreife als noch 2003 - inklusive der doppelten Abiturienten-Jahrgänge nach der Schulzeitverkürzung. Zugleich nahmen aber 2008 nur etwa 2,5 Prozent mehr junge Männer und Frauen ein Studium auf als noch 2003.

Das belegen die jährlichen Abiturientenbefragungen des Hochschul-Informationssystems (HIS) bereits seit drei Jahren. 27 Prozent der Abiturienten äußerten 2008 die Absicht, auf ein Studium gänzlich zu verzichten.

Die Entwicklung ist Wasser auf die Mühlen der OECD-Experten, die am Dienstag bei der Präsentation ihres weltweiten Bildungsberichts Deutschland trotz Krise zu mehr Bildungsinvestitionen aufforderten. Und trotz einiger Verbesserungen müsse Deutschland auch noch deutlich mehr Anstrengungen unternehmen, um mit seiner Hochschulausbildung Anschluss an die Entwicklung in den anderen wichtigen Industrienationen zu erhalten.

Müßig ist dabei der Statistikerstreit, ob die Studierquote - das heißt der Anteil der Studienanfänger am Altersjahrgang - derzeit 36,2 Prozent beträgt, wie die OECD nach internationalen Kriterien vorrechnet, oder 39,3 Prozent, wie von deutscher Seite nach einem anderen Rechenverfahren dargestellt. Es sind aus Sicht fast aller Bildungsforscher jedenfalls für das Technik-Exportland Deutschland viel zu wenig. Im Schnitt der 30 wichtigsten Industrienationen nehmen inzwischen 56 Prozent eines Jahrganges ein Studium auf. Und der internationale Trend zeigt weiter nach oben.

Bei der Vorlage des Berichtes bekräftigte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erneut das Ziel von Bundesregierung und Kultusministern, künftig 40 Prozent eines Jahrganges ein Studium zu ermöglichen. Doch das Festschreiben dieser Quote birgt Gefahren. Derzeit verlassen extrem geburtenstarke Jahrgänge die Schule. Gehen die Abgängerzahlen im nächsten Jahrzehnt wieder zurück und sind auch die derzeitigen Masseneffekte aus den doppelten Abiturientenjahrgängen verpufft, werden Studienanfänger bald schon zur raren Ware. Der Bildungsforscher Klaus Klemm rechnet vor, dass bei einer Studierquote von 40 Prozent schon zum Ende des nächsten Jahrzehnts rund 70 000 Studienplätze mangels Bewerbern nicht mehr zu besetzen seien - Plätze, die Bund und Länder mit dem Hochschulpakt gerade für viel Geld aufbauen.

Nicht nur die OECD-Bildungsforscher gehen davon aus, dass künftig auch in Deutschland neue Berufsbilder und Produktionsweisen mehr Akademiker als bisher erforderlich machen. Alle Studien, die die Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren - unter anderem für den Dresdner Bildungsgipfel - in Auftrag gegeben hat, bestätigen diese These. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier konnte sich aus den vielen Gutachten für seinen Deutschlandplan reichlich bedienen. Heute schon fehlen Ingenieure, Naturwissenschaftler, Lehrer und Mediziner. Und in den nächsten fünf Jahren werden fast 500 000 Akademiker altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden.

Es ist seit langem immer wieder das gleiche Ritual: Die OECD- Forscher warnen bei Vorlage ihres jährlichen Berichtes Deutschland vor einem Mangel an hoch qualifizierten akademisch ausgebildeten Fachkräften, der Aufschwung und Wirtschaftswachstum bedrohen kann. Die deutsche Seite - vor allem Bildungspolitiker der Union - reagieren verschnupft, weil die OECD das deutsche System der dualen Facharbeiterausbildung im Vergleich zum Hochschulstudium nicht gebührend würdigt. Schavan nannte die deutsche Lehrlingsausbildung gar "das Flaggschiff der deutschen Bildungspolitik".

Mit einer Sonderauswertung weist die OECD die Kritik an ihren Studien zurück. Vergleiche man Einkommensvorteil und das Risiko von Arbeitslosigkeit, zeige sich, "dass die berufliche Ausbildung in Deutschland gegenüber vergleichbaren Ausbildungen im Ausland keine nennenswerten Vorteile bietet."

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