Ärzte Zeitung online, 31.01.2012

"Hirndoping" bei jedem 20. Studenten

Studierenden wurde oft nachgesagt, sie steigerten ihre Leistungsfähigkeit mit Schmerz-, Beruhigungs- oder Aufputschmitteln. Einer Studie zufolge ist Hirndoping aber gar nicht so verbreitet wie vermutet. Am ehesten werden solche Substanzen noch vor Prüfungen eingesetzt.

"Hirndoping" bei jedem 20. Studenten

Lernen - nicht nur Spaß, sondern auch Stress. Die meisten Studierenden kommen ohne Pillen klar.

© sturti / istockphoto.com

HANNOVER (eb). Seit einigen Jahren häufen sich Medienberichte, wonach immer mehr Studierende zu Pillen greifen, um ihre Leistung zu steigern oder um Leistungsdruck und Prüfungsstress besser standhalten zu können.

Valide Daten über die Verbreitung von und die Motivation für Hirndoping unter Studierenden lagen bislang für Deutschland jedoch nicht vor. Entsprechende Berichte beruhten daher in der Regel auf Fallbeispielen oder Beobachtungen von Lehrenden.

Eine Untersuchung des HIS Instituts für Hochschulforschung (HIS-HF) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit liefert nun erstmals repräsentative Erkenntnisse, wie viele Studierende leistungssteigernde Mittel nehmen und in welchen Situationen.

Fünf Prozent der Studierenden greifen zu Hirndoping

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Hirndoping unter Studierenden keineswegs so verbreitet ist, wie es die mediale Aufmerksamkeit für das Thema suggeriert: Es betrifft etwa fünf Prozent der Studierenden.

Erst vergangenen Sommer titelte die Zeitung "Die Welt": "Hirndoping mit Pillen wird zum Massenphänomen". Für Studierende kann die These eines neuen "Massenphänomens" allerdings nicht bestätigt werden. Nach der Studie "Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden" hat die große Mehrheit der Studierenden keine Erfahrung mit dem Hirndoping.

Für die Untersuchung wurden die Angaben von knapp 8.000 Studierenden ausgewertet, die im Winter semester 2010/11 an einer Online-Befragung teilgenommen hatten.

Etwa fünf Prozent der Studierenden betreiben nach Definition der Studie Hirndoping: Sie nehmen verschreibungspflichtige Medikamente, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Psychostimulanzien oder Aufputschmittel ein, um die Studienanforderungen besser zu bewältigen.

Die große Mehrheit nimmt allerdings selten bis sehr selten derartige Mittel. Weitere fünf Prozent der Studierenden zählt die Studie zur Gruppe der "Soft-Enhancenden". Das sind Studierende, die "weiche" Mittel wie Vitaminpräparate, homöopathische und pflanzliche Substanzen oder Koffein konsumieren, um ihre Leistungen zu steigern.

Männer und Frauen greifen zu ähnlich hohen Anteilen auf Hirn doping zurück, um das Studium besser zu bewältigen. Unter den "Soft-Enhancenden" ist der Anteil der Studentinnen jedoch deutlich größer. Ältere Studierende wenden Hirn doping eher an als jüngere. Der höchste Anteil an Nutzern findet sich mit 12 Prozent in der Gruppe der 28- bis 29-Jährigen.

Veterinärmediziner und Sportler sind oft Nutzer

Hirndoping ist vor allem unter Studierenden der Bereiche Veterinärmedizin (18 Prozent) und Sport / Sportwissenschaft (14 Prozent) verbreitet. Am seltensten greifen Studierende der Bereiche Mathematik / Informatik und Geowissenschaften / Physik (je 3 Prozent) zu pharmakologischen Mitteln der Leistungssteigerung.

Die Autoren der Studie, Dr. Elke Middendorff, Jonas Poskowsky und Wolfgang Isserstedt, haben nachgewiesen, dass die Bereitschaft zur Einnahme leistungssteigernder Mittel mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen einhergeht. So haben die Nutzer doppelt so häufig (sehr) hohe Neurotizismuswerte wie Studierende, die nicht zu den entsprechenden Mitteln greifen. Für Menschen mit (sehr) hohen Neurotizismuswerten sind Eigenschaften wie Nervosität, Anspannung, Unsicherheit und eine stärkere Reaktion auf Stress typisch. Besonders männliche Anwender sind zudem wenig gewissenhaft.

"Besonders wichtig war es für uns, mehr über die Motive für die Einnahme leistungssteigernder Mittel zu erfahren, denn sie sind entscheidend dafür, welche Mittel konsumiert werden und in welchen Situationen", erläutert Projektleiterin Middendorff. "Wie unsere Befragung ergab, greifen Studierende besonders häufig zu Hirndoping, um Nervosität und Lampenfieber zu bekämpfen. Erst an zweiter Stelle steht das Ziel, die geistige Leistung zu steigern."

Leistungsbeeinflussende Mittel werden am häufigsten zur Vorbereitung auf Prüfungen eingesetzt. Für 55 Prozent der Studierenden mit Hirndoping ist das eine typische Anwendungssituation.Beinahe ebenso viele, nämlich 53 Prozent, greifen bei generellem Stress zu leistungssteigernden Substanzen. Die eigentliche Prüfungssituation ist für 45 Prozent der Nutzer Anlass für die Einnahme solcher Mittel.

"Unsere Studie ist eine Momentaufnahme und lässt lediglich Aussagen über die Situation im Wintersemester 2010 / 11 zu. Wir haben nun erstmals Kenntnis über die Verbreitung leistungssteigernder Mittel unter Studierenden und über die Gründe, warum sie dazu greifen. Ob der Anteil der Studierenden, der Hirndoping betreibt, in Deutschland steigt, kann erst eine Wiederholungsbefragung zeigen", betont Middendorff.

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