Ärzte Zeitung, 22.04.2014

Wandel

Der Lehrer ist viel mehr als nur Lehrer

Unterrichten ist für Lehrer längst nur noch eine Aufgabe von vielen. Manche sehen sie gar als Psychologen, Sozialarbeiter und Coaches. Dabei sind viele Lehrer schon jetzt mit den Nerven am Ende.

Von Christine Cornelius

Der Lehrer ist viel mehr als nur Lehrer

Mathe-Unterricht - nur eine von vielen Aufgaben, die ein Lehrer heute hat.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

MÜNCHEN. Sachbücher über ihre angeblichen Unzulänglichkeiten füllen ganze Regalreihen. Zum Thema Lehrer kann wohl jeder eine persönliche Geschichte erzählen - sei es in Erinnerung an die eigene Schulzeit oder wegen einschlägiger Erfahrungen als Elternteil.

Den Ruf nach einem Lehrer neuen Typs gibt es schon lange. Und er bleibt aktuell, wie das jetzt erschienene Sachbuch "Deutschland, deine Lehrer" zeigt.

Es ist ein Plädoyer für mehr Mut zur Innovation - und eine bessere Schüler-Lehrer-Beziehung. Von Betroffenen und der Lehrergewerkschaft GEW gibt es ein geteiltes Echo.

Multitasker und Teamplayer

Autorin Christine Eichel beschwört in ihrem Buch einen Wandel. "Die Ära der empfindungsarmen Wissensverwalter ist vorbei, das Zeitalter der emotional beteiligten Spieler, der Multitasker, der Teamplayer hat begonnen." Der Schulverdrossenheit vieler Kinder und Jugendlicher müssten Lehrer mit Engagement, Erfindungsreichtum und Innovationsgeist begegnen.

Es hätten nur leider noch nicht alle Lehrer bemerkt, dass eine neue Zeit angebrochen sei. Zwar gebe es einige engagierte, aufopferungsvolle und hoch motivierte Exemplare - sie seien aber nicht die Regel.

Der Philologenverband verweist auf die hohe Arbeitsbelastung. "Ein Grundproblem ist, dass sich ein Großteil der Lehrer an der Grenze der Leistungsfähigkeit fühlt", sagt der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger.

Die Vor- und Nachbereitung von Unterricht sei extrem arbeitsintensiv, wenn man sie ernst nehme. Lehrer könnten daher sehr empfindlich reagieren bei allem, was zusätzlich auf sie zukomme. Und das ist einiges, wenn es nach dem Willen von Autorin Eichel geht: Sie fordert zum Beispiel regelmäßige Eltern-Lehrer-Stammtische und Hausbesuche.

Meidinger ist skeptisch. Solche Stammtische seien zwar durchaus vorstellbar, und es gebe auch einige. "Es gehen aber vor allem die Eltern hin, die bildungsaffin sind und sich auch sonst viel kümmern." Erreicht werden müssten jedoch vor allem die Mütter und Väter, die nicht zu einem Stammtisch kommen würden.

Einseitig auf Lehrer abwälzen

Er sehe die Gefahr, dass sich die Elternschaft teile in Insider und Außenseiter. Einen regen Austausch zwischen Lehrern und Eltern befürwortet er aber auch. "Ein Elternteil muss sich zum Beispiel jederzeit per Email an einen Lehrer wenden können."

Auch Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW sieht einen Wandel der Lehrerrolle. Es seien allerdings eher die Universitäten als die Lehrer, die diesen Wandel noch nicht realisiert hätten. "Die Unterrichtspraxis, die den Lehrern an den Universitäten vermittelt wird, ist nicht unbedingt von heute", sagt sie. Lerncoach, Sozialarbeiter, Psychologe, Persönlichkeitsentwickler - so umreißt Autorin Eichel die Dimensionen des Lehrerberufs.

Hoffmann geht das zu weit. "Das wäre eine totale Überforderung", sagt sie. "Es gibt die Tendenz, alles, was an Wünschenswertem in der Schule geleistet werden soll, einseitig auf Lehrer abzuwälzen." Wichtig sei, dass Lehrer in gut funktionierenden Teams mit Sozialarbeitern und Pädagogen zusammenarbeiteten.

Stärkere Vernetzung erwünscht

Mehr Team-Play an den Schulen fordert auch Eichel: Lehrer müssten sich aus ihrem Einzelkämpfer-Dasein befreien. Meidinger vom Philologenverband sieht hier ebenfalls einen Nachholbedarf: "Es wäre ein enormer Push für gelingende Lernprozesse, wenn sich Lehrer untereinander stärker austauschen würden."

Damit der neue Lehrertypus an allen Schulen einziehen kann, braucht es Eichel zufolge nicht nur den ernsthaften Willen jedes Einzelnen, sondern auch mehr Autonomie und weniger administrative Gängelung. Hier widerspricht ihr Meidinger energisch: Die Freiheit gebe es bereits.

"Ich kenne kaum einen anderen Beruf, in dem der Einzelne so viel Freiraum hat für Eigeninitiative wie im Lehrerberuf. Eine Schulleitung kann sehr viel machen und auch der einzelne Lehrer - und sie tun das auch." (dpa)

[23.04.2014, 08:50:38]
Eva Pichler 
Freiraum für Eigeninitiative im Beruf ist abhängig von der Führung
Viele engagierte Lehrer würden sich gerne mehr einbringen, Projekte machen etc., werden jedoch von rigorosen Direktoren gebremst. Wer auch nur einen Handgriff macht, der nicht abgesegnet ist, sorgt selbst für seinen Rausschmiss. Gerade bei Gewaltprävention, Mobbingprävention, soziales Lernen u.ä. sind Direktoren des "alten" Schlags nicht schwingungsfähig, und verhindern alles, was in diese Richtung geht, auch, um eine vermeintliche "Rufschädigung" der Schule hintanzuhalten (so quasi: Mobbing/Bullying gibts nicht - also brauchen wir das alles nicht). Eine Lehrerin verlor ihren Posten, weil sie einem Schüler Hilfe anbat, weil er gemobbt wurde, und das Thema offen ansprach. Damit war ihr Ende besiegelt, denn der Direktor meinte, SIE schädige die Schule (!). Auch hier wird wieder die "klassische Verdrehung" sichtbar, die sich bei Mobbing abspielt (Täter wird geschützt, Mobbingopfer als Täter hingestellt).
http://www.selbsthilfegruppe-mobbing-graz.at/literatur/ zum Beitrag »
[22.04.2014, 17:12:59]
Dr. Horst Grünwoldt 
Profession Lehrer
Natürlich beinhaltet der Beruf des Lehrers nicht nur das planmäßige Unterrichten in einem bestimmten Fach der schulischen Grundbildung. Das wäre plattes Schubkasten-Denken!
Vielmehr steht die Persönlichkeit des Lehrers mit allen Facetten und Charaktereigenschaften frontal im Blickfeld der neugierigen Schüler; nnd das meist jahrelang. Den Heranwachsenden bleibt da auf Dauer wohl nichts verborgen auf der Vorbildsuche.
Mit wem sonst -als ihrem Klassenlehrer- verbringen die Lernenden so viel gemeinsame Zeit? Die dürfte bei manchem in der Adoleszenz länger dauern, als im berufstätigen Elternhaus.
Insofern ist die anstrengende -und manchmal nervtötende- Tätigkeit unserer Lehrer in ihrer Auswirkung auf die Zukunft der Kinder und Jugendlichen -im positiven, wie auch negativen- gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock

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