Ärzte Zeitung, 02.07.2015

Inklusion

Was Eltern wirklich denken

Wie bewerten Eltern das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Förderbedarf? Die persönlichen Erfahrungen sind wichtig. Wer das Thema nur aus der Theorie kennt, ist skeptischer. Das zeigt eine aktuelle Studie.

Was Eltern wirklich denken

Inklusion: wenn Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden.

© Christopher Futcher / iStock.com

GÜTERSLOH. Schulen, in denen Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam unterrichtet werden, schneiden aus Sicht der Eltern besser ab als solche, in denen dies nicht der Fall ist. Das geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor.

 In Schulen mit sogenannter Inklusion sind demnach 68 Prozent der befragten Eltern mit der individuelle Förderung ihrer Kinder zufrieden. Bei Eltern, deren Kinder auf eine nicht-inklusive Schule gehen, liegt dieser Wert zehn Prozentpunkte niedriger.

Infratest dimap hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung deutschlandweit 4321 Eltern schulpflichtiger Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren Anfang des Jahres 2015 befragt.

Eigenes Erleben verringert Skepsis

Auch Lehrer an inklusiven Schulen bekommen bessere Bewertungen. Sie gelten als kompetent (89 zu 82 Prozent), können gut erklären (86 zu 77), fördern die Stärken der Schüler (72 zu 60 Prozent) und arbeiten an den Schwächen (69 zu 53).

Gut ein Drittel der deutschlandweit befragten Eltern gab an, dass ihr Kind auf eine inklusive Schule geht.

Fazit der Studienmacher: Eigenes Erleben verringert Skepsis. "Konkrete Erfahrung überzeugt Eltern von Inklusion. Ein schrittweiser Ausbau von inklusiven Schulen ist deswegen sinnvoll. Voraussetzung dafür ist, mehr Lehrer zum inklusiven Unterrichten fortzubilden", erläuterte Jörg Dräger vom Vorstand der Stiftung.

Ausdrücklich unterscheidet die Studie zwischen konkreten Erfahrungen mit der Inklusion in Schulen und allgemeinen Einstellungen. Zwar stufen 70 Prozent der Befragten gemischtes Lernen als gesellschaftlich wichtig ein.

60 Prozent allerdings glauben, dass Kinder mit Handicap auf Sonderschulen besser gefördert werden. Gut die Hälfte meint, dass Kinder ohne Förderbedarf auf inklusiven Schulen fachlich gebremst werden.

2009 hatte sich Deutschland mit der Ratifizierung einer UN-Konvention verpflichtet, Schüler mit und ohne Handicap gemeinsam zu unterrichten.

Der damit verbundene Umbau des deutschen Schulsystems zu einem inklusiven System ist eine der größten Herausforderungen der Bundesländer für die nächsten Jahre.

Politik, Lehrerverbände und auch die breite Öffentlichkeit diskutieren seit langem kontrovers darüber, wie Inklusion konkret in den Schulen gestaltet werden soll.

Minderheit lehnt Inklusion ab

Im Schuljahr 2013/2014 haben rund 30 Prozent der knapp 500 000 Förderschüler in Deutschland eine Regelschule besucht. Vor sieben Jahren lag der Inklusionsanteil noch unter 20 Prozent.

Die überwältigende Mehrheit der Eltern zeigt sich grundsätzlich offen für schulische Inklusion. Nur acht Prozent aller Mütter und Väter sind gegen Inklusion.

Jeder fünfte Befragte (21 Prozent) hingegen unterstützt den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf uneingeschränkt.

Eltern mit schulischer Inklusionserfahrung unterscheiden sich hier nur unwesentlich von Eltern, deren Kinder keine inklusive Schule besuchen.

Die deutliche Mehrheit aller Befragten (70 Prozent) macht die Umsetzbarkeit des gemeinsamen Unterrichts von der Art des sonderpädagogischen Förderbedarfs abhängig.

Dabei ist sich diese Gruppe insgesamt weitgehend einig darüber, dass Kinder mit körperlich-motorischer Beeinträchtigung gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf lernen sollten (90 Prozent).

Auch im Fall von Sprach- oder Lernschwierigkeiten und traumatischen Erfahrungen sprechen sich deutliche Mehrheiten bei den Eltern für inklusives Lernen aus (67, 63 und 56 Prozent).

Weniger Vertrauen in das Potenzial von Inklusion haben Eltern hingegen, wenn es um Kinder mit Beeinträchtigungen der Sinne,, Verhaltensauffälligkeiten oder auch geistiger Behinderung geht.

Hier können sich nur noch weniger als die Hälfte der betreffenden Mütter und Väter den gemeinsamen Unterricht vorstellen (43, 42 und 36 Prozent). (dpa/eb)

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