Ärzte Zeitung, 30.05.2016

Zika

Experten fordern: Olympiade verlegen – WHO skeptisch

Einige Forscher wollen Olympia verlegen oder verschieben. Andere Gesundheitsexperten halten das für naiv. Welche Gruppe hat Recht?

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Überträger des Zika-Virus: Ein Mosquito auf menschlicher Haut.

© tacio philip / Fotolia

BERLIN/RIO DE JANEIRO. Die Diskussion um die Gefahren durch das Zika-Virus im Olympia-Austragungsort Rio de Janeiro hat sich durch einen offenen Brief von mehr als 150 Gesundheitsexperten verschärft. Die Fachleute plädierten für die räumliche oder zeitliche Verschiebung der Olympischen Spiele. Sogar eine Absage schlossen sie nicht aus.

In dem am Freitag veröffentlichten Schreiben an die WHO in Genf warnten die Experten vor globalen Gesundheitsrisiken. Eine halbe Million Besucher der Spiele könnten in Rio angesteckt werden und die Krankheit mit in ihre Heimatländer bringen, hieß es darin.

Zu den Unterzeichnern gehören 151 Experten von Universitäten und Gesundheitszentren in 29 Ländern. Verfasst wurde der Brief von Amir Attaran von der Universität Ottawa, Arthur Caplan und Lee Igel von der Universität New York und Christopher Gaffney von der Uni Zürich.

"Dieses Virus breitet sich ohnehin aus"

Olympia in Rio - das empfiehlt die WHO

Schwangere sollten grundsätzlich keine Regionen besuchen, in denen Zika vorkommt. Eine Verlegung der Olympischen Spiele wegen der Zika-Gefahr hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch nicht für nötig - wohl aber besondere Schutzmaßnahmen. Am Samstag gab die WHO folgende Empfehlungen:

  • Mit Hilfe von Mückenschutzmittel und möglichst heller, langer Kleidung sich vor den Moskitos zu schützen, die das Virus übertragen.
  • Immer Kondome zu benutzen oder ganz auf Sex zu verzichten; das gilt auch noch mindestens vier Wochen nach der Rückkehr aus Südamerika. Denn das Virus kann durch Geschlechtsverkehr weitergeben werden.In Unterkünften mit Klimaanlagen zu übernachten. Die in der Regel verschlossenen Fenster und Türen dort seien eine Barriere für Mücken.
  • Keine Gebiete in Orten zu besuchen, in denen die Sanitäranlagen schlecht sind und es offene Wasserstellen gibt. Dies sind ideale Brutstätten für die Mücken.
  • Alle Empfehlungen der Gesundheitsbehörden im Heimatland zu beachten und vor der Reise nach Brasilien einen Arzt zu konsultieren. (dpa)

Die WHO wies die Bedenken umgehend zurück: Es bestehe keine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit, die die Verschiebung oder Absage der Olympischen Spiele rechtfertige. Auch würde eine solche Entscheidung "die internationale Ausbreitung des Zika-Virus nicht signifikant" beeinflussen, schließlich sei Brasilien nur eines von fast 60 Ländern, aus denen Übertragungsfälle durch Moskitos gemeldet würden.

"Dieses Virus breitet sich ohnehin aus", sagte Bruce Aylward von der WHO am Samstagabend im "heute journal" des ZDF. "Und Bemühungen zu verhindern, dass eine halbe Million Menschen jetzt nach Rio reisen, werden keinen Unterschied machen bei der internationalen Ausbreitung von Zika", betonte Aylward.

Auch der deutsche Zika-Experte Jonas Schmidt-Chanasit reagierte sehr skeptisch auf die Forderungen. Unter den Verfassern des Briefes "ist kein namhafter Virologe oder Zika-Experte", sagte Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Man müsse mit solchen Forderungen sehr vorsichtig sein.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich ebenfalls gegen eine Verschiebung oder Verlegung der Rio-Spiele aus. Diese Forderung sei "verfrüht" und "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" nicht geboten, meinte Lauterbach im Berliner "Tagesspiegel am Sonntag". Die Gefahr, sich in Rio mit dem Zika-Virus anzustecken, sei im August gering, da es dann dort wegen des Wetters weniger Mücken gebe. (dpa)

Kann man eine Olympiade verschieben?

Vor sieben Jahren wurden Rio de Janeiro die Olympischen Spiele zugesprochen. Fragen und Antworten zu einer möglichen Verschiebung. Kann man das größte Sportereignis der Welt gut zwei Monate vor der Eröffnungsfeier einfach so verlegen oder verschieben?

Ein klares Nein! Das ist absolut unmöglich. "Weltfremd", kommentierte ein deutscher Sportfunktionär. In wenigen Wochen kann keine Stadt einfach Olympische Spiele "übernehmen". Eine zeitliche Verschiebung, etwa auf 2017, wäre theoretisch möglich. Aber dann müssten Zeitpläne weltweit neu abgestimmt werden. Millionen Reisen und Hotelzimmer sind für diesen Sommer schon gebucht. Zudem geht es um Milliardensummen.

Verträge gibt es auch zwischen IOC und Rio-Ok. Müsste man eine Absage als Vertragsbruch der Olympia-Organisatoren bewerten?

Keinesfalls. Im Falle höherer Gewalt - wie zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe oder eben einer Virus-Epidemie - gibt es ja keinen Schuldigen. Die Absage wäre erzwungen. Keiner der Vertragspartner hätte gegen eine Klausel verstoßen, das IOC könnte seinen Vertragspartner also auch nicht bestrafen. Kein Olympia-Ok kann garantieren, dass die Ausrichterstadt von extremen Ereignissen verschont bleibt.

Gab es schon einmal eine Verlegung?

Ja. 1956 fanden die Reit-Wettbewerbe nicht am Ort der Sommerspiele in Melbourne statt, sondern in Stockholm. Das war aber nur eine von vielen olympischen Sportarten.

Wie können sich die deutschen Olympia-Starter schützen?

Erste Zika-Informationen wurden im September 2015 veröffentlicht, teilte der Deutsche Olympische Sportbund mit Ende April gab es ein Update für Mediziner und Physiotherapeuten. Das aktuelle Mittel zur Prävention von Erkrankungen sei der Insektenschutz. (dpa)

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