Ärzte Zeitung, 06.02.2004

Beim Schießen bleibt immer Luft in der Lunge

Am Samstag beginnt die Biathlon-Weltmeisterschaft / Im Schießstand geht der Puls auf 130 Schläge pro Minute

NEU-ISENBURG (ine). Vier Medaillen sind das Ziel der von Martina Glagow und Ricco Groß angeführten deutschen Skijäger bei den Biathlon-Weltmeisterschaften in Oberhof. 250 000 Zuschauer werden ab Samstag zu den Wettkämpfen erwartet. Mit dabei ist auch der Münchner Sportmediziner Dr. Bernd Wolfarth. Er betreut seit 1993 die Athleten.

Biathleten brauchen am Schießstand eine ruhige Hand und gute Nerven.
Foto: dpa

Die WM bringt die Sportler ans Limit. Innerhalb einer Woche müssen sie je fünf Wettkämpfe bestreiten. Bei den Frauen stehen beispielsweise Sprints und Verfolgungsrennen über 7,5 und 10 Kilometern an, ein Einzelrennen über 15 Kilometer und zum Abschluß gibt es noch Staffelläufe und Massenstarts. "Die zum Teil extrem kurzen Regenerationszeiten zwischen den einzelnen Wettkämpfen bei gleichzeitig deutlich gestiegenen Wettkampfbelastungen sind ein Problem", sagt Wolfarth im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Crossläufe und Rollerski stehen auf dem Trainingsplan

Doch das Publikum will möglichst viel von seinen Lieblingen sehen. Die Kombination von Laufen und Schießen fasziniert viele. Schätzungsweise 250 000 Zuschauer werden live in der Rennsteig-Arena dabei sein. Das Fernsehen rechnet mit Rekord-Einschaltquoten.

Der Trend geht - wie in anderen Sportarten auch - zu noch mehr Starts und noch mehr Wettkämpfen. Ohne eine optimale Trainingsvorbereitung ist das nicht zu schaffen. Auf dem Plan stehen deshalb das ganze Jahr über Crossläufe, Mountainbiketouren, Rollerskilaufen, Krafttraining, aber auch Fußball und Hockey. Ab September absolvieren die Skijäger noch ein Höhen- und ein Techniktraining.

Schießübungen gehören das ganze Jahr dazu - "trainiert wird sowohl in Ruhe als auch unter Belastung", sagt Wolfarth. Bis die Athleten am Schießstand ihre Waffe abgeschultert haben und in der richtigen Position sind, sinkt der Puls auf 130 bis 160 Schläge pro Minute. Im Liegen ist die Herzfrequenz niedriger als im Stehen. Warten die Biathleten jedoch zu lange, sinkt die Herzfrequenz. Sportmediziner sprechen dann von einem vagotonen Umschlag der Herzfrequenz: Der Herzschlag wird so stark, daß er sich auf die Haltestabilität der Waffe überträgt.

Auch die Atemtechnik ist beim Schießen wichtig. Während einer Fünfschußserie wird während des Nachladens etwa ein- bis zweimal Luft geholt. Der Sportler atmet dann nur noch unvollständig aus, etwa ein Drittel der eingeatmeten Luft bleibt in der Lunge. "Das Gewicht der Waffe - sie darf nicht leichter als 3,5 Kilogramm sein - hat keinen Einfluß auf die Schießleistung", sagt Wolfarth. Wichtiger ist, daß jedes Gewehr individuell an den Schützen angepaßt wird.

Stürze gibt es glücklicherweise selten im Biathlon, meist gehen sie glimpflich ab. "Auch das Verletzungsrisiko ist gering", so Wolfarth, "Skilanglauf ist eine orthopädisch eher unproblematische Sportart."

Aus medizinischer Sicht spielen Infekte und die dadurch bedingte Einschränkung der Belastung in Training und Wettkampf eine entscheidende Rolle. Der zehnmaligen Weltmeister Frank Luck aus Oberhof litt beispielsweise in den vergangenen Wochen an einer verschleppten Magen-Darm-Infektion. Im Trainingslager war Luck schon wieder mit dabei, nun hofft er auf ein gutes Abschneiden bei der WM.

Strafrunden und Fehltreffer setzten den Athleten zu

Die Aufgaben des Mediziners beschränken sich nicht allein auf körperliche Probleme. Die Psyche spielt eine große Rolle im Biathlon. Die Sportler müssen beispielsweise nach Strafrunden schnell wieder Energiereserven mobilisieren, auch in kritischen Wettkampfphasen ein taktisches Rennen laufen, an der richtigen Stelle die Gegner überholen, Ruhe am Schießstand bewahren, auch wenn mal ein Treffer daneben geht, und auf Langstrecken den toten Punkt überwinden.

Das setzt eine hohe emotionale Stabilität voraus - Biathleten brauchen gute Nerven. Wenn doch einmal die Leistung absackt und die Psyche auf dem Tiefpunkt ist, dann ist das Umfeld der Athleten gefragt. Wolfarth: "Hier kann der Trainer, der Arzt, der Physiotherapeut oder auch der Skitechniker gefragt sein - je nachdem, wer den besten Zugang zu dem Athleten hat."

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