Ärzte Zeitung, 15.04.2004

Stabhochspringer hat Olympia fest im Blick - trotz seines Morbus Scheuermann

Der 26jährige Björn Otto erfuhr Diagnose vor drei Jahren / Intensive Physiotherapie

Von Sabine Schiner

Björn Otto übersprang bei der Leichtathletik-Hallen-WM in Budapest im März nur 5,65 Meter und verpaßte das Finale. Foto: dpa

"Steiler ist geiler", lautet das Motto des 26jährigen Stabhochspringers Björn Otto. 5,81 Meter ist er beim Hallen-Europacup in Leipzig gesprungen. Nun trainiert er für Olympia. Doch der Athlet vom LAV Bayer Uerdingen/Dormagen hat ein Handicap: Morbus Scheuermann.

Vor drei Jahren hat der Stabhochsprung-Teamarzt vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), Dr. Jens Enneper vom Sportkrankenhaus Hellersen, die Diagnose gestellt: "Wir haben ihn ein Jahr komplett aus den Wettbewerben herausgenommen und ein Aufbautraining gemacht", so der Mediziner im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Unter anderem machte Otto eine intensive Physiotherapie, und auch die Sprungtechnik wurde umgestellt. "Das alles zusammen scheint ganz gut zu funktionieren. Doch man muß weiter beobachten - wir bleiben am Ball."

Der Athlet vom LAV Bayer Uerdingen/Dormagen vermeidet nach Möglichkeit Übungen, die den Rücken belasten. Immer wieder probiert er - in Absprache mit seinem Trainer und dem Physiotherapeuten - etwas Neues aus. "Wir sind da sehr fantasievoll", sagt Otto. Ob die Übung gut für ihn ist, merkt er jedoch meist erst am Tag danach.

Auch viele seiner Kollegen haben Rückenprobleme. "Es gibt eigentlich keinen Stabhochspringer, der nicht irgendwann Rückenschmerzen hat", so der Sportler. Kürzlich hat beispielsweise die Australierin und 17fache Weltrekordlerin Emma George (29) ihre Karriere wegen chronischer Rückenbeschwerden beendet. Und im vergangenen Jahr mußte Danny Ecker - Sohn von Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl - die Freiluft-Saison aussetzen. Der 26jährige hatte Rückenprobleme, war an Schulter und Fuß operiert worden.

Beim Stabhochsprung werden drei Körperbereiche besonders strapaziert: Schulter, Lendenwirbelsäule und Becken- und Beinregion. Beim Absprung wird vor allem der lumbosakrale Übergang stark beansprucht. "Zu der Scherkraft, also der Bewegung nach vorne, kommt beim Absprung auch noch eine leichte Rotationskomponente dazu", sagt Enneper.

Hinzu kommt eine Rotationsbewegung beim Anlauf: Mit dem Stab in der Hand müssen die Sportler eine höhere Trägheit ausgleichen. Diese Bewegung belastet ebenfalls Rücken- und Beckenbereich. "Athleten wie Björn Otto oder Tim Lobinger haben eine ausgeprägte Rumpfmuskulatur, sonst könnten sie diese Bewegungen gar nicht machen", so der Mediziner. Leicht kann es im Stabhochsprung auch zu Pseudo-Ischialgien im Bereich der Oberschenkelmuskulatur kommen. "Dies macht sich durch ein leichtes Ziehen im Oberschenkel bemerkbar."

Bei Wettkämpfen sind muskuläre Probleme, Schulter- und Rückenschmerzen häufig. Hautverletzungen oder ein verdrehtes oder gebrochenes Sprunggelenk sind selten. Enneper hat bei Wettkämpfen fast immer ein mobiles Ultraschallgerät im Gepäck. "Damit kann ich schlimmere Muskelverletzungen ausschließen."

Björn Otto war kürzlich eine Woche Skifahren - "zur aktiven Regeneration", wie er sagt. Derzeit ist er im Trainingslager in Südafrika, dort stehen Kraft- und Sprungtraining an, Turnen und ein bißchen Joggen. Dazu kommen regelmäßige Physiotherapie und ein Aufbautraining - nur so ist für Otto Stabhochsprung schmerzfrei möglich.

Ob der Athlet im Sommer zu den Olympischen Spielen nach Athen fahren wird, wird sich bei den Deutschen Meisterschaften Anfang Juli in Braunschweig entscheiden. Er macht auf jeden Fall weiter: "Für mich stand nach der Diagnose nie zur Debatte, mit dem Stabhochspringen aufzuhören. Dafür ist die Sportart einfach zu geil. Wenn ich damals aufgegeben hätte, wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin."

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