Ärzte Zeitung, 21.05.2004

"Die medizinische Versorgung wäre nicht schlechter, wenn wir abgestiegen wären"

Götz Dimanski hat als Mannschaftsarzt von Werder Bremen Anteil an der Meisterschaft

Von Christian Beneker

"Ich krieg jetzt noch ’ne Gänsehaut." Götz Dimanski, Werder Bremens Mannschaftsarzt, streicht mit der Hand über seinen linken Unterarm. Der Drei-zu-eins-Sieg der Werderaner gegen den Erzrivalen Bayern München und damit der Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft 2004 habe ihn nicht überrascht, sagt er. "Es war zu spüren, daß die Bayern wachsweiche Knie hatten. Werder konnte nur gewinnen."

"Mich hat immer interessiert, wie Leistung entsteht"

Dimanski, verheiratet und Vater von zwei Kindern, sitzt in einem geräumigen Sessel, in seinem kleinen Büro im Bauch des Bremer Weser-Stadions. Er guckt verschmitzt und sächselt milde. "Mich hat einfach immer interessiert, wie sportliche Leistung entsteht", erklärt er, "das lernt man nicht im Studium. Man muß ein Gefühl dafür kriegen." Jeden Tag geht er eine Stunde lang rüber zum Training der Werder-Stars, beurteilt Verletzungen, lindert Wehwehchen. "Manchmal geht’s auch nur um den Schulsport der Kinder oder die Schwangerschaft der Spielerfrauen", sagte er. "Richtig schwere Verletzungen sind ja eher selten."

Wirklich spannend aber findet er die Orthopädie. "Sportmedizin war in der DDR seit eh und je ein eigenes Fach", sagt Dimanski. Als er sein Studium beendet hat, will er zur Leichtathletik ("Bin ja selber Läufer gewesen"), zum Handball oder Fußball. Gut, sagten die Funktionäre, Sie können zu den Ringern. "So bin ich zum Sportclub Leipzig gekommen, weil es da eine Planstelle gab." Das war 1983, Dimanski ist 24 Jahre alt. Seitdem trainiert er sein Gefühl.

Einmal findet er in der Bibliothek ein Buch: "Nichtoperative Orthopädie". Er ist fasziniert. Weil ihm die 96 DDR-Mark zum Kauf fehlen, geht er immer wieder in die Bibliothek und liest. Schließlich behandelt er mit der neuen Methode eine Patientin mit chronischen Schulterschmerzen. "Ich bekam die Frau schmerzfrei!", sagt er, "das war eine Eröffnung für mich." Dimanski streicht sich über den Unterarm.

Als Werder ihn 1991 holt, ist er schon aufgestiegen bei den Fußballern von Lok Leipzig; A-Jugend, Amateure, schließlich bei den Profis. Er hat gelernt, daß die Sportler weiterspielen wollen, selbst mit Schädelfrakturen und Bewußtseinsstörungen, und wie man sie daran hindert, wie das Schmerzempfinden sinkt, wann ein Spieler, der zu Boden ging, unbedingt ausgewechselt werden muß. "Aber das Wesentliche passiert zwischen den Spielen", sagt er, "ich muß im Training beurteilen, wie sich die körperliche Leistungsfähigkeit des Spielers entwickeln wird."

Das Reha-Zentrum der Bremer ist direkt am Stadion

Die Voraussetzungen in Bremen seien ideal, sagte er, "fast einmalig in Deutschland." In München muß ein verletzter Spieler nach Donaustauf fahren, um sich behandeln zu lassen. In Bremen humpelt er einmal ums Stadion herum und ist im vereinseigenen Reha-Zentrum Sporthep und in den Händen von Dimanski.

Sporthep führt die grüne Werder-Raute als Symbol, darin windet sich die Schlange um den Äskulap-Stab. Wenn der Mannschaftsarzt hier keine Spieler behandelt, versorgt er die Patienten seiner Praxis unter der Westkurve. An anderer Stelle des Stadions wird mächtig gebaut, die Tribüne erweitert, ein Museum eingerichtet. Werder Bremen will oben bleiben. "Aber die medizinische Versorgung wäre nicht schlechter, wenn wir abgestiegen wären", sagt Götz Dimanski.

Der Werder-Arzt ist bei jedem Spiel dabei. Wenn er etwas zur Meisterschaft beigetragen habe, dann vielleicht durch die gute Zusammenarbeit mit Thomas Schaaf, dem Meister-Trainer. Er sagt "vielleicht" und winkt ab: "Gewonnen haben die Spieler." Werder Bremen gilt als bescheidener Verein. Doch zur Zeit platzen alle beim Verein vor Stolz. Und Götz Dimanski sitzt in seinem Büro und lächelt.

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