Ärzte Zeitung, 07.09.2005

HINTERGRUND

Ob alt oder dick - joggen darf fast jeder, wenn er es nicht übertreibt

Von Swanett Koops

Laufen ist in und eine der beliebtesten Sportarten weltweit. Wer läuft, verbraucht Energie, baut Muskeln auf, Fett ab, verbessert die Durchblutung und beugt Herzkreislauferkrankungen vor. Doch für die Gelenke ist es eine Härteprobe, wenn bis zum Fünffachen des Körpergewichts auf Knorpel, Sehnen und Bändern lastet. Kann man da seinen älteren oder gar übergewichtigen Patienten den Laufsport überhaupt empfehlen?

Solange die Beinachse im Lot ist, ist Joggen kein Problem

Die Antwort lautet: Solange die Dosis stimmt und die Beinachse im Lot ist, scheinen die Gelenke die Belastung unabhängig vom Alter zu verkraften. Wer es jedoch übertreibt, um vielleicht stur einem Trainingsplan zu folgen, oder eine Achsenfehlstellung hat, der sollte sich lieber eine Alternative zum Laufsport suchen.

Um Gelenkschäden zu vermeiden, halten viele Sportmediziner die Wahl des richtigen Laufschuhs für entscheidend. Andere sagen hingegen, der Laufschuh selbst sei nicht so wichtig, er dürfe halt nur die körpereigene Dämpfung nicht beeinträchtigen.

    Häufig ist es das Knie, das schmerzt.
   

Auch bei der Wahl des Untergrunds scheiden sich die Geister: Manche meinen, Asphalt sei zu hart, andere behaupten, das Laufen auf weichem Waldboden strenge die Muskeln und Gelenke durch den Ausgleich der Unebenheiten mehr an und erhöhe dadurch das Verletzungsrisiko. Und wenn Schuh und Untergrund stimmen, wie stark kann dann der Laufstil die Gelenke in Mitleidenschaft ziehen?

Fakt ist, daß Beschwerden beim oder durch das Laufen häufig sind: Pro Jahr klagen 30 bis 50 Prozent der Freizeitläufer nach Angaben von Privatdozent Markus Walther vom Orthozentrum der Schön-Kliniken München über laufassoziierte Schmerzen (Der Orthopäde 5, 2005, 399). Dabei ist es am häufigsten das Knie, das schmerzt. 80 Prozent der Beschwerden im Laufsport resultierten aus einer Überlastung des Binde- und Stützgewebes durch den Sport, so Walther.

Oft Gelenkschäden bei Marathon-Anfängern

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Professor Erik Hohmann von der TU München (Sportverl Sportschad 19, 2005, 89). Und er kann diese These auch mit einer kleinen Studie untermauern: Er untersuchte die Gelenke von insgesamt 15 Läufern, die am Münchner Marathon teilgenommen hatten, vor und nach dem Lauf mit MRT.

Bei sechs der sieben Anfänger, die außer in der neunmonatigen Vorbereitungszeit vorher keinen Laufsport betrieben hatten, zeigte sich nach dem Lauf ein Gelenkerguß. Vor dem Lauf war die Untersuchung hingegen bei allen Anfängern unauffällig gewesen - ein Zeichen dafür, daß mit gezieltem und dosiertem Training eine Schädigung vermieden werden kann, der Marathonlauf dann aber doch zuviel war.

Bei den sechs Fortgeschrittenen und den zwei Profis gab es hingegen keine auffälligen MRT-Befunde vor und nach dem Lauf. Die Resultate deuten darauf, daß durch gezieltes Training eine Anpassung an die Belastung stattfindet und keine langfristigen degenerativen Veränderungen hervorgerufen werden, so Hohmann.

Was allerdings die Gelenke ernsthaft zu schädigen scheint, ist eine Fehlstellung der Beinachse. Ein Sportler der Studie hatte moderate Ergüsse in beiden Hüftgelenken, wie Hohmann berichtet. Gleichzeitig lag eine pathologische Beinachse mit Varusfehlstellung sowohl in der Hüfte als auch im Knie vor.

Natürlich kann dieser Zusammenhang wegen der geringen Teilnehmerzahl nicht als signifikant gewertet werden. Außerdem sei eine vollkommen normale Beinachse in allen vier Gelenken möglicherweise sehr selten. Doch Hohmann ist überzeugt: "Größere Abweichungen resultieren sicher in Punktbelastungen und führen wahrscheinlich zu frühzeitigen degenerativen Veränderungen."

Und haben Alter und Gewicht einen Einfluß auf die Entstehung von Gelenkschäden? Dazu Walther: "Ein klarer Altersbezug der Verletzungshäufigkeit konnte bisher in keiner Untersuchung hergestellt werden."

Und auch ein erhöhtes Körpergewicht scheint kein Hinderungsgrund fürs Laufen zu sein, wie verschiedene Studien ergeben haben. Jedoch sei hier eine statistische Auswertung wegen des geringen Anteils übergewichtiger Menschen bei den Läufern zurückhaltend zu bewerten.

Wenn also Patienten mit dem Laufsport beginnen wollen, sollte nur eine grobe Achsenabweichung ausgeschlossen und der Ratschlag erteilt werden, die Finger von Trainingsplänen zu lassen.

Denn: "Sportler, die gezielt mit Trainingsplan arbeiten, weisen ein deutlich höheres Verletzungsrisiko auf als Läufer ohne eine schematische Gestaltung des Laufsports", so Walther. Freizeitsportler hätten schließlich die Möglichkeit, auf die Signale ihres Körpers zu hören und damit Verletzungen durch Überlastung gegenzusteuern.

FAZIT

Joggen kann auch noch, wer alt oder übergewichtig ist - vorausgesetzt, er übertreibt es nicht und trainiert so wohldosiert, daß sein Binde- und Stützgewebe die Chance hat, sich an die Belastung anzupassen. Wer zu viel und zu intensiv trainiert, riskiert dagegen Gelenkschäden, vor allem an den Knien. Wichtiger als einen Trainingsplan stur einzuhalten, ist daher, Beschwerden ernstzunehmen und die richtige Laufdosis zu finden. Patienten mit einer pathologischen Beinachse sollten besser eine andere Sportart wählen.

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