Ärzte Zeitung, 31.01.2006

INTERVIEW

Niedriger Ruhepuls nicht immer ein gutes Zeichen

Sporturlaub ist bei Freizeitsportlern en vogue. Ob Skiwandern in den Alpen oder Radfahren auf Mallorca, viele Menschen machen Aktivurlaub, um "endlich mal wieder so richtig fit" zu werden. Der mit mehreren Büchern einem breiten Publikum bekannt gewordene Sportwissenschaftler Professor Kuno Hottenrott von der Uni Halle-Wittenberg sieht das im Gespräch mit Philipp Grätzel von Grätz von der "Ärzte Zeitung" mit gemischten Gefühlen. Denn: Viele schätzen ihre individuelle Belastbarkeit völlig falsch ein.

Fahrradfahren auf Mallorca. Viele sind zu ehrgeizig und überlasten sich. Foto: dpa

Ärzte Zeitung: Sie fahren jedes Jahr im Frühjahr nach Mallorca und betreuen dort in einem Sporthotel Freizeitradfahrer, die die Insel um diese Jahreszeit zu Tausenden bevölkern. Wie gehen Sie dabei vor?

Professor Kuno Hottenrott aus Halle-Wittenberg: Freizeitsportler können sich auf ihr subjektives Belastungsempfinden nicht verlassen. Foto: ÄZ

Hottenrott: Wir bieten den älteren Sportlern an, sie für eine oder zwei Wochen sportmedizinisch zu betreuen. Wir mischen uns dabei nicht in das Trainingsprogramm ein, sondern messen morgens nach dem Aufstehen zunächst im Liegen und dann im Stehen die Herzfrequenz. Mit einem Herzfrequenz-Meßgerät, das jeden einzelnen Herzschlag registriert, läßt sich daraus die Herzfrequenzvariabilität (HRV) ermitteln. Sie ist ein Maß dafür, wie regelmäßig das Herz schlägt. Bei einer körperlichen Überlastung ist der Pulsschlag unphysiologisch konstant, bis hin zu einer völligen Frequenzstarre. Die HRV geht dann gegen Null. Wir messen auch Blutdruck und Blutzucker und ermitteln Serumharnstoff- und Kreatinwerte, um etwas über die muskuläre Beanspruchung aussagen zu können. Außerdem fragen wir nach dem subjektiven Belastungsempfinden.

Ärzte Zeitung: Was beobachten Sie?

Hottenrott: Wir haben Studien mit Radsportlern im Alter von 40 bis 72 Jahren gemacht und können sagen, daß sich vor allem bei den Senioren etwa 30 Prozent der Freizeitsportler körperlich überlasten. Das sind meist sehr ehrgeizige Menschen, die teilweise jeden Tag 190 bis 220 Kilometer fahren. Wenn wir sie befragen, dann geben sie an, sich noch recht gut zu fühlen. Das steht aber oft im Widerspruch zu dem, was wir messen, nämlich eine sehr niedrige Herzfrequenz mit einer deutlich herabgesetzten Herzfrequenzvariabilität.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet dieser Befund?

Hottenrott: Mit dem Parameter Herzfrequenzvariabilität können wir Veränderungen des autonomen Nervensystems abschätzen. Wir sehen daran morgens nach dem Aufstehen, ob die Nacht ausgereicht hat, um körperlich zu regenerieren oder nicht. Wenn die HRV deutlich herab gesetzt ist, dann empfehlen wir den Sportlern dringend, einen Ruhetag einzulegen. Tun sie das, dann normalisiert sich die HRV in der Regel wieder und der Körper ist bereit für neue Belastungen.

Auch beim Skilanglaufen besteht Überlastungsgefahr. Foto: Robert Michael/ddp

Ärzte Zeitung: Ist eine herabgesetzte Herzfrequenzvariabilität für jeden gefährlich?

Hottenrott: Wenn am Herzen keinerlei Vorschädigungen vorliegen, dann sind die Risiken sehr gering. In einem gewissen Alter können Sie davon aber nicht mehr automatisch ausgehen. Gerade bei Senioren gibt es häufig kardiale Vorschädigungen, die einfach noch nicht bekannt sind. Dann kann es unter Umständen gefährlich werden, Stichwort: plötzlicher Herztod bei Freizeitsportlern.

Ärzte Zeitung: Was geben Sie Ihren Sportlern in Mallorca mit auf den Weg nach Hause?

Hottenrott: Wir versuchen ihnen zu vermitteln, daß Sie sich auf ihr subjektives Belastungsempfinden nicht verlassen können, und daß ein langsamer Puls nicht zwangsläufig Grund zum Jubeln ist. Viele freuen sich über ihre niedrige Ruhe-Herzfrequenz und erkennen nicht, daß das bei einer zusätzlichen Frequenzstarre nicht immer ein gutes Zeichen ist. Wir machen ihnen auch deutlich, wie wichtig gerade in einem Sporturlaub Ruhetage sind. Und dann sollten sie sich natürlich auf ausgeprägte körperliche Betätigungen wie Fahrradurlaube vorbereiten. Viele machen das ganze Jahr über nichts und gehen dann in den Sporturlaub. Da ist das Überlastungsrisiko natürlich höher.

Ärzte Zeitung: Können denn Freizeitsportler ihre HRV auch selbst zur Trainingskontrolle bestimmen?

Hottenrott: Sicher. Das können wir ihnen auch beibringen. Leider gibt es, anders als beim Blutdruck unter Belastung, bei der HRV keine festen Grenzwerte. Sie ist individuell verschieden und läßt im Alter generell nach. Das heißt: Sportler müssen ihren individuellen HRV-Bereich zunächst selbst ermitteln. Eine Einmalmessung reicht nicht. In meinem Buch "Trainingskontrolle mit Herzfrequenz-Meßgeräten", das im März 2006 erscheint, wird das ausführlich erläutert.

STICHWORT

Variabilität der Herzfrequenz

Die Herzfrequenzvaribilität ist Folge vagaler und sympathischer Einflüsse auf die Sinusknotenaktivität. Eine verminderte Herzfrequenzvarabilität kann Zeichen eines pathologischen kardiovaskulären Zustandes sein. Wer als Freizeitsportler seine Herzfrequenzvariabilität ermitteln möchte, benötigt ein Herzfrequenzmeßgerät mit "Schlag-zu-Schlag-Messung", wie sie das Unternehmen Polar anbietet. Diese Geräte sind in der Lage, die Zeitintervalle zwischen den R-Zacken des EKG einzeln auszumessen. Das finnische Unternehmen bietet sogar Modelle an, deren gespeicherte Daten einer Trainingseinheit per Infrarot auf einen PC übertragen werden und dann interpretiert werden können.

Genaue Informationen zu den Herzfrequenz-Meßgeräten von Polar gibt es auf der Webseite des Unternehmens: www.polar-deutschland.de

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