Ärzte Zeitung, 19.05.2006

INTERVIEW

Kollegin empfiehlt: Raten Sie Sporteinsteigern zu Check-up!

Die immer länger und wärmer werdenden Tage animieren jetzt wieder viele Menschen, etwas für ihre Gesundheit zu tun und Sport zu treiben. Oft ist dann eine Gesundheits-Untersuchung sinnvoll, sagt die Sportmedizinerin Dr. Silja Schwarz aus München im Gespräch mit Thomas Meißner von der "Ärzte Zeitung". Immer wieder würden dabei bisher nicht diagnostizierte Erkrankungen, etwa eine Hypertonie, entdeckt.

ZUR PERSON

Dr. Silja Schwarz arbeitet als Assistenzärztin am Lehrstuhl und an der Poliklinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin der Technischen Universität München.

Ärzte Zeitung: Wenn sich jemand entschließt, nach langer Zeit wieder Sport zu treiben, ab welchem Alter sollte der Hausarzt zu einer vorherigen sportmedizinischen Untersuchung raten?

Dr. Silja Schwarz: Im allgemeinen wird eine Untersuchung bei Patienten mit subjektivem Wohlbefinden ab einem Alter von 35 Jahren empfohlen. Wichtig ist, dabei auch zu berücksichtigen, mit welchen Voraussetzungen jemand ins Training geht. Wer übergewichtig ist, jahrelang geraucht hat oder eine familiäre Risikokonstellation in der Anamnese hat, sollte gegebenenfalls auch früher eine sportmedizinische Untersuchung in Anspruch nehmen, damit mögliche Einschränkungen erkannt werden. Bei vorbekannten Krankheiten wie Diabetes mellitus, Hypertonie oder bestehenden Beschwerden sollte auf jeden Fall vor Beginn einer sportlichen Betätigung eine medizinische Untersuchung erfolgen.

Ärzte Zeitung: Wer kann sportmedizinische Untersuchungen leisten?

Schwarz: Es gibt von der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) und dem Deutschen Sportbund lizenzierte Untersuchungszentren, die gestellte Qualitätsanforderungen erfüllen. Hierzu zählen nicht nur Kliniken, sondern auch niedergelassene Ärzte. Auf der Internetseite der DGSP www.dgsp.de gibt es eine Liste aller empfohlenen Untersuchungszentren. Grundsätzlich können aber auch Hausärzte und Internisten diese Untersuchungen machen.

Ärzte Zeitung: Was genau passiert bei der Untersuchung?

Schwarz: Zunächst wird ein ausführlicher anamnestischer und klinischer Befund inklusive einer Beurteilung des Bewegungsapparates erhoben. Einige Laboruntersuchungen dienen dazu, verschiedene Organsysteme und Risikofaktoren abzuklären, etwa Blutbild, Nierenretentionswerte, Ferritin, Blutfettwerte. Des weiteren werden bei jedem Sport-Check eine Körperfettmessung, Ruhe-EKG, eventuell eine Lungenfunktion und natürlich ein Belastungs-EKG auf dem Laufband oder Fahrrad gemacht.

Dieser Belastungstest wird dann unter sportmedizinischen Gesichtspunkten durch eine Laktatdiagnostik ergänzt, um anschließend auch genaue Trainingsempfehlungen geben zu können. Zu uns in München kommen auch viele Menschen, die sich gezielt unter sportlichen Gesichtspunkten untersuchen lassen wollen und eigentlich nur an ihren sportlichen Leistungen und Trainingsempfehlungen interessiert sind und den gesundheitlichen Aspekt gar nicht so im Auge haben. Da ist so mancher dabei, der selten oder ungern zum Arzt geht. Gerade unter diesen Personen, egal ob jung oder alt, entdecken wir dabei immer wieder bisher nicht diagnostizierte Krankheiten, etwa eine arterielle Hypertonie, einen Herzklappenfehler oder andere kardiale Risikofaktoren und Erkrankungen.

Ärzte Zeitung: Was raten Sie den Patienten mit leicht erhöhtem Blutdruck ohne weitere Risikofaktoren?

   
"Auch Hausärzte und Internisten können die Untersuchungen vornehmen."
   

Schwarz: Zunächst sollte durch Lebensstiländerungen wie Gewichtsabnahme bei bestehendem Übergewicht, vermehrte körperliche Aktivität und Umstellung der Ernährung eine Blutdruckeinstellung in den wünschenswerten Bereich von unter 140/90 mmHg erreicht werden. Dies kann bei moderater Blutdruckerhöhung bis zu Werten von 160/100 mmHg versucht werden. Falls eine erwünschte Blutdrucksenkung nicht innerhalb eines halben Jahres erreicht wird, sollte dann doch eine medikamentöse Einstellung vorgenommen werden. Bereits mit einer Gewichtsabnahme von 5 bis 10 kg kann der Blutdruck laut Studien systolisch zwischen 5 und 20 mmHg sinken. Treibt man dazu dann noch Sport und stellt seine Ernährung um, kann man möglicherweise auch ohne oder mit geringerer Arzneitherapie eine Blutdrucksenkung in normotone Bereiche erreichen. Falls bei diesen Patienten aber eine ausgeprägte Belastungshypertonie oder schon Folgeerkrankungen wie eine linksventrikuläre Hypertrophie nachweisbar sind, empfiehlt es sich, sofort mit Antihypertensiva zu behandeln. Sind die Werte eingestellt, kann dann die körperliche Aktivität aufgenommen werden.

Ärzte Zeitung: Gibt es hier zu bevorzugende Wirkstoffe?

Schwarz: Für sporttreibende Personen sind ACE-Hemmer, AT1- oder Kalziumantagonisten als Therapie der ersten Wahl zu bevorzugen, da Betablocker beispielsweise die Leistungsfähigkeit durch Einschränkung des Energiestoffwechsels und der Herzfrequenzregulation unter Belastung beeinträchtigen.

Ärzte Zeitung: Übergewicht ist eine häufige Motivation, mit Sport zu beginnen. Welche Sportart empfehlen Sie bereits adipösen Menschen?

Schwarz: Man kann nicht jedem empfehlen, joggen zu gehen. Die Belastung muß an das Körpergewicht und den Fitneßzustand angepaßt sein, sonst ergeben sich schnell Überlastungsschäden. Bei erheblichem Übergewicht ist es empfehlenswert, erst einmal mit Spaziergängen oder mit Nordic Walking anzufangen und sich langsam zu steigern. Der langsame Beginn und die kontinuierliche Steigerung sind dabei besonders wichtig. Entsprechende Präventivprogramme bieten viele Krankenkassen an, zum Beispiel Nordic-Walking-Kurse. Gerade beim Nordic Walking ist es wichtig, die richtige Gehtechnik mit Einsatz der Stöcke zu erlernen. Der Kontakt mit Gleichgesinnten und fest eingeplante Trainingstermine erhöhen zudem die Motivation.

Ärzte Zeitung: Dann gibt es ja noch Menschen, die in ihrer Jugend sehr aktive Sportler waren, das aber aufgegeben haben und nach fünfzehn Jahren wieder einsteigen wollen.

Schwarz: Diese Wiedereinsteiger sind oft erheblich überlastungsgefährdet, weil sie sich früher gut ausbelasten konnten und meist sehr ehrgeizig sind. Diese Leute im Zaum zu halten, ist teilweise sehr schwer. Sie beginnen häufig viel zu intensiv mit dem Sport und somit im falschen Belastungsbereich. Gerade diesen Sportlern ist dringend eine sportmedizinische Untersuchung mit Festlegung sinnvoller Trainingsbereiche anzuraten. Denn ein optimales Training muß wie ein Medikament richtig dosiert sein.

Check-up: Was ist GKV-Leistung und was ist IGeL?

Der Check-up ab 35 ist eine GKV-Leistung und beinhaltet: Anamnese, körperliche Untersuchung, Messen des Blutdrucks, Blutabnahme für Labordignostik (Blutglukose, Gesamtcholesterin), ein Urinstreifentest und ein Beratungsgespräch.

Sportmedizinische Check-ups sind IGeL. Je nach Alter, Gesundheits- und Trainingszustand sind Ruhe-EKG, Belastungs-EKG (Laufband oder Fahrrad-Ergometer) mit oder ohne Laktatdiagnostik, Lungenfunktions-Tests, Ultraschall-Untersuchungen (Oberbauch, Herz, Gefäße) sowie Organparameter wie Leber- und Nierenwerte, TSH, Blutbild und -fette. Bei speziellen Sportarten wie Tauchen sind weitere Untersuchungen, etwa eine HNO-ärztliche Diagnostik, wichtig.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

"Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, die Ärzte sollten sich daher aktiv daran beteiligen, appellierte der Blogger Sascha Lobo auf dem Ärztetag. mehr »

Alle wichtigen Videos vom Ärztetag

Digitalisierung, Angst vor Veränderung, Wunschminister: Die Ärztezeitung fasst für Sie die wichtigen Themen des Ärztetags in kurzen Videos zusammen. mehr »

Massive Technik-Pannen behindern Ärztetag

Nicht einsehbare Anträge, verschobene Abstimmungen: Technische Probleme machen Delegierten und Journalisten gestern unmd heute auf dem Ärztetag arg zu schaffen. mehr »