Ärzte Zeitung, 07.06.2006

HINTERGRUND

Lebensgefährliche Läufe? - Warum es bei Volksmarathons immer wieder zu Todesfällen kommt

Von Thomas Willke

Die Schlagzeilen sind erschreckend: "Todesfall überschattet Bonn-Marathon", hieß es zum Beispiel im vergangenen Jahr. Ein 38jähriger Läufer war kurz vor dem Ziel zusammengebrochen und gestorben. In Stuttgart waren es zwei Teilnehmer an einem Halbmarathon, die die sportliche Strapaze nicht überlebten. Die Diagnose war in allen Fällen gleich: plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand.

Volksmarathons werden immer beliebter (hier Ende Mai in Neuhaus am Rennweg). Von 50 000 bis 90 000 Läufern stirbt einer bei so einem Marathon. Foto: dpa

Doch so spektakulär diese Todesfälle bei Volksmarathonläufer auch waren, die Norm sind sie nicht. "Bei organisierten Läufen stirbt von 50 000 bis 90 000 Teilnehmern ein einziger", berichtet der Berliner Sportmediziner Lars Brechtel in der Juni-Ausgabe des Magazins "bild der wissenschaft".

Manche Läufer wissen nicht, daß sie Herzprobleme haben

Doch warum sterben überhaupt Menschen bei einer Sportart, deren positive Wirkung auf Herz, Kreislauf, Knochen und den allgemeinen Gesundheitszustand mehr als einmal belegt worden ist? Diese Frage können auch Sportmediziner bislang nur zum Teil beantworten. Derzeit gelten drei Szenarien als gesichert.

Nummer eins: Die Betroffenen glauben zwar von sich, vollkommen gesund zu sein, haben jedoch bislang verborgen gebliebene Herzprobleme. "Ein gesundes Herz kann man nicht überfordern. Eher machen die anderen Muskeln im Körper schlapp. Damit hat man so etwas wie einen Sicherheitsabstand", stellt auch Albert Fromme, Sportmediziner an der Universität Münster, klar. Anders sieht es aus, wenn die Gefäße rund um das Herz bereits verengt sind - ein Problem, das mittlerweile immer mehr jüngere Menschen betrifft und das sich im normalen Alltag nicht bemerkbar macht.

In einem solchen Fall sollten beim Sport je nach Ausprägung der Schädigung bestimmte Herzfrequenzen nicht überschritten werden, empfiehlt Fromme. Festgestellt werden solche Schäden in einer sportmedizinischen Untersuchung, in der auch ein Belastungs-EKG gemacht wird. Allerdings sollten die Ärzte darauf achten, daß sie dabei auch tatsächlich eine starke körperliche Leistung fordern - sonst besteht die Gefahr, daß die Gefäßprobleme übersehen werden.

Harmlose Atemwegsinfekte sind ein Risikofaktor

Der zweite Risikofaktor sind Infektionen. Selbst an sich harmlose Atemwegsinfekte belasten das Herz und können zu Rhythmusstörungen oder eben auch zum plötzlichen Herztod führen. "Es gibt genug Beispiele von jungen Sportlern, die plötzlich sterben - und bei denen sich später als Ursache eine Infektion herausstellte", sagt Fromme. Wenn man sich etwa bei einem grippalen Infekt richtig schlecht fühlt, sollte man sich konsequent ins Bett legen und nicht zur Arbeit und schon gar nicht zum Training gehen.

Die dritte Ursache für die plötzlichen Todesfälle bei Marathonläufen wurde erst im vergangenen Jahr entdeckt - und überraschte Läufer wie Experten: Wer während des Laufs zu viel Wasser trinkt, gerät ebenfalls in Lebensgefahr, konnten Wissenschaftler von der Harvard-Universität in Boston in den USA nachweisen. Bis dahin galt die Devise, daß man beim Sport gar nicht genug trinken kann. Doch als die Forscher nach einem Marathon in Boston das Blut von fast 500 Läufern untersuchten, fanden sie bei mehr als 60 von ihnen ungewöhnlich geringe Kochsalzwerte, bei dreien waren diese bereits im kritischen Bereich.

Zurückführen lassen sich diese Probleme auf den Mechanismus, mit dem der Körper den Wasser- und Salzhaushalt reguliert. Durch das Schwitzen beim Laufen verliert der Organismus sowohl Wasser wie Salze, bekommt beim Wassertrinken aber lediglich Wasser zurück und nicht genügend Salz. Ist die Wasserzufuhr zu groß, hat das fatale Folgen: Um das Salzgleichgewicht wieder auszugleichen, nehmen die Körperzellen Wasser aus dem Blut auf und schwellen dabei an - wie ein Brühwürstchen, das zu lange im Wasser liegt. Das passiert nicht nur in den Beinen, wo die Schwellungen keine schlimmen Konsequenzen haben, sondern auch in allen anderen Geweben und Organen. Trifft es das Gehirn, drohen Schwindel, Unwohlsein und schließlich der Zusammenbruch, heißt es in dem Bericht.

Nicht nur Wasser, auch Salz muß zugeführt werden

Während eines Marathons sollten die Läufer also trotz Mineralwassers auch noch zusätzlich Salz zuführen und dabei eher einen kurzfristigen Wassermangel als einen Wasserüberschuß in Kauf nehmen - denn damit kommt der Körper weit besser zurecht, sagen Sportmediziner.

Angst vor dem Laufen sollte man jedoch auf keinen Fall entwickeln. Im Gegenteil: Laufen hilft bekanntlich, Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen und verzögert Altersbeschwerden wie Arthrose. Auch scheint es neueren Ergebnissen zufolge den Verlust der Knochendichte in den Wechseljahren zu verhindern. Laufen kann sogar das Leben verlängern, haben mehrere Studien ergeben - vorausgesetzt, man vermeidet die Risikofaktoren. (ddp.vwd)

Im Internet gibt es etwa vom Deutschen Sportbund Tips zu gesundem Laufen: www.richtigfit.de

Die Homepage des Sportmediziners Albert Fromme ist: http://sportmedizin.klinikum.uni-muenster.de/mitarbeiter/fromme.html

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