Ärzte Zeitung, 01.08.2006

Immer mehr Kinder und Alte verunglücken auf dem Fahrrad

Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der getöteten Radler um ein Fünftel auf 575 im Vergleich zu 2004 / Experten fordern mehr Tempo-30-Zonen

Von Helen Hoffmann

Gefährliches Radfahren: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der getöteten Radler um ein Fünftel auf 575 im Vergleich zu 2004. Die Zahl der Verkehrstoten insgesamt war dagegen mit 5361 so niedrig wie seit mehr als 50 Jahren nicht mehr, wie das Statistische Bundesamt kürzlich mitteilte.

Ein Schulkind radelt über eine Straße. Im Gegensatz zu vielen Altersgenossen hat es einen Helm auf. Foto: dpa

78 434 Verkehrsteilnehmer verunglückten 2005 in Deutschland auf dem Fahrrad. "Das ist eine ganz dramatische Entwicklung", sagt der Referent des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Thomas Kirpal. "Das Risiko verlagert sich von den Fahrzeug-insassen auf Radfahrer und Fußgänger."

Laut Statistik trifft es verstärkt Kinder und Senioren. In beiden Altersgruppen starben mehr Radfahrer als im Jahr zuvor. Die Zahl der Getöteten, die älter als 65 Jahre waren, hat sich 2005 mit 282 Toten um mehr als ein Viertel erhöht. Der Anstieg bei den Kindern ist mit 78 Prozent auf 41 noch krasser.

Für den VCD sind die Zahlen ein eindeutiges Zeichen, daß für die Sicherheit von Fahrradfahrern noch nicht genug getan wird. "Wir müssen aus diesen Unfällen lernen. Sie sollten systematisch ausgewertet werden", fordert Kirpal. Zwar gebe es in einigen Bundesländern sogenannte Unfallauswertungskommissionen, eine bundesweite Analyse aber fehle. Zum besseren Schutz der Fahrradfahrer fordert der Verkehrsclub eine Ausweitung der Tempo-30-Zonen. "Die Geschwindigkeit entscheidet, ob ein Unfall überlebt wird oder nicht."

Angesichts der vielen verunglückten Kinder appelliert der VCD an die Eltern, ihre Sprößlinge möglichst früh als Fußgänger und Radfahrer an den Straßenverkehr zu gewöhnen. "Viele Kinder lernen die Welt nur noch aus dem Auto heraus kennen. Als selbstständige Verkehrsteilnehmer sind sie zu wenig geübt", kritisiert Kirpal.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht das genauso. "Eltern haben oft ein falsches Sicherheitsempfinden", sagt ADFC-Sprecherin Bettina Cibulski. "Wenn Kinder zu lange behütet werden, entwickeln sie kein Bewußtsein dafür, was im Straßenverkehr passiert."

Auch in puncto Helm sind sich Fahrrad-Club und Verkehrsclub einig. Beide Organisationen empfehlen ihn, wollen aber niemanden zum Tragen verpflichten.

"Ein Fahrradhelm kann eine Kopfverletzung zu 80 Prozent verhindern", sagt Cibulski. "Eine Helmpflicht bringt es aber nicht. Da würden viele Leute vielleicht gar nicht mehr Radfahren." Der Verkehrsclub verweist darauf, daß ein Helm gerade für Senioren lebensrettend sein kann. "So schlimm es auch klingt: Ältere Menschen sterben einfach schneller", sagt Kirpal. Was Kinder betrifft, erinnert er an die Rolle der Eltern: "Sie müssen Vorbild sein."

Lehrer sollen darauf achten, daß Kinder mit Helm fahren

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) nimmt zudem die Lehrer in die Pflicht. Gemeinsam mit den Eltern sollten sie darauf achten, daß alle Kinder mit Helm fahren. "Ab einem Alter von zehn Jahren gilt ein Helm bei vielen als uncool", sagt DVR-Sprecher Sven Rademacher. Dies müsse sich ändern. Eine Ursache für die Zunahme der Unfälle sieht der Rat auch im Bewegungsmangel vieler Kinder. "Dadurch lassen die motorischen Fähigkeiten nach."

Als Konsequenz aus den Zahlen will der Verkehrssicherheitsrat in seinem vom Bundesverkehrsministerium unterstützten Programm "Kind und Verkehr" noch stärker als bisher auf das Radfahren eingehen. "Es ist klar, daß wir auf die Entwicklung reagieren müssen", sagt Rademacher. Ansporn ist dem Rat zudem der jüngste Vergleich mit anderen Ländern der Europäischen Union: Was die Zahl verunglückter Kinder im Straßenverkehr betrifft - umgerechnet auf jeweils 100 000 Einwohner unter 15 Jahren - ist Deutschland trauriger Spitzenreiter. (dpa)

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