Ärzte Zeitung, 23.08.2006

HINTERGRUND

Leichte Schädel-Hirn-Traumata bei Boxern oder Fußballspielern sind keine Bagatellunfälle

Von Thomas Meißner

Traumatologen, Sportmediziner und Neuropsychologen sind sich einig: Die Zahl leichter Schädel-Hirn-Traumata im Sport, kurz als mTBI (minor traumatic brain injury) bezeichnet, nimmt zu. Und die Wissenschaftler sind sich - schon lange - einig: Wiederholte Traumata führen zur Kumulation von Hirnverletzungen und zu Langzeitschäden. Leichte Schädel-Hirn-Traumata, etwa bei Fußballern, Eishockey-Spielern oder Boxern, sollten deshalb ebenso als Verletzung angesehen werden wie Knochenbrüche.

Der am Kopf verletzte Cottbuser Radoslaw Kaluzny (rechts) im Kopfballduell gegen den Münchner Harald Cerny. Schon bei leichten Schädel-Hirn-Traumen sollten Sportler sofort aus dem Wettkampf genommen werden. Foto: dpa

Pro Saison gehen zwei von elf Profi-Kickern k.o.

So bekommt jeder fünfte professionelle Boxer infolge der Schläge auf den Schädel vor dem 30. Lebensjahr kognitive Störungen, wie sie auch bei Demenz-Kranken diagnostiziert werden, schreiben Dr. Nicola Biasca aus Samedan in der Schweiz und seine Kollegen in der Zeitschrift "Der Unfallchirurg" (109, 2006, 101). 90 Prozent der professionellen Boxer litten an Gedächtnisstörungen, 17 Prozent entwickelten motorische Störungen, ähnlich der beim Morbus Parkinson.

Auch bei Fußballern muß auf Kopfverletzungen geachtet werden. Pro Saison absolviert ein Profi-Fußballer 800 bis 1000 Kopfbälle. Durchschnittlich zwei von elf Profi-Spielern sollen pro Saison ein Knock-out (K.o.) erleiden. Und bis zum Karriere-Ende soll jeder zweite Kicker mindestens ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma (SHT) durchgemacht haben.

In den Niederlanden ist Boxen für unter 16jährige verboten

Folge können etwa Gedächtnisstörungen sein, auch dauerhafte Hirnschäden. Besonders räumliche Gedächtnisstörungen werden häufig diagnostiziert.

In einigen Ländern habe man auf solche Untersuchungsergebnisse längst reagiert, betonen Biasca und seine Kollegen.

So ist in den Niederlanden Boxen für Jugendliche unter 16 Jahren verboten. In Skandinavien gilt bereits seit den 1980er Jahren ein generelles Verbot des Boxsports. Und in der US-Eishockey-Liga sind neuropsychologische Tests vor und während der Saison seit 1997 obligatorisch.

    Fragebogen hilft bei der Früherkennung von Traumata.
   

Außer der Prävention von Hirnverletzungen mit verschärften Regelwerken und verbesserten Schutzausrüstungen ist das frühzeitige Erkennen eines leichten SHT durch Trainer und Teamärzte wichtig.

Dazu haben die Experten unter dem Dach des Internationalen Olympischen Komitees, des Weltfußballverbands FIFA sowie des internationalen Eishockey-Verbands IIHF einen standardisierten Frage- und Evaluationsbogen erarbeitet (SCAT - Sport Concussion Assessment Tool). Dieser Fragebogen kann aus dem Internet heruntergeladen werden (zum Beispiel unter der Adresse www.olympic.org; Stichwort: SCAT).

Bei zum Beispiel folgenden Zeichen einer leichten Schädel-Hirn-Verletzung sollte ein Sportler sofort aus dem Wettkampf oder Training genommen werden:

  • bei kognitiven Störungen (Verwirrtheit, Amnesie, Bewußtseinsminderung);
  • bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, visuellen Problemen (Sterne sehen, Doppelbilder) oder Hörproblemen;
  • bei physischen Zeichen wie Koordinations- oder Gleichgewichtsstörungen;

Diese Symptome treten manchmal erst Stunden oder Tage nach dem Unfall auf. Ursache der Symptome seien lokal begrenzte Veränderungen im Zytoskelett der Axone sowie Schädigungen des axoplasmatischen Transports, berichten Biasca und seine Kollegen. Das führe zu fortschreitender axonaler Schwellung und gegebenenfalls auch nach Tagen noch zum Zelltod.

Das bedeutet aber auch, daß leichte SHT bleibende strukturelle Veränderungen zur Folge haben können. Störungen der Ionenhomöostase, metabolische Veränderungen sowie der beeinträchtigte zerebrale Blutfluß halten die Gehirnzellen "für unbestimmte Zeit in einem vulnerablen Zustand", so die Kollegen. Erneute Traumata in dieser Phase bergen das Risiko von Hirnödemen, subduralen Hämatomen sowie von irreparablen Folgeschäden bis hin zum Tod.

"Aufgrund dieser Erkenntnisse sollte ein Spieler unabhängig von einer bestehenden Amnesie für mindestens 72 Stunden [nach dem Unfall - Anm. der Red.] Sportverbot erteilt bekommen", so die Empfehlung der Expertengruppe.

Neurobiochemische Marker sollen Diagnostik erleichtern

Nach der dreitägigen Ruhephase wird die Sportaktivität nach einem mehrstufigen Schema gesteigert, beginnend mit leichten Übungen. Nur wenn in der jeweiligen Stufe keine Symptome auftreten, dürfe die nächste Belastungsstufe erklommen werden. Treten Symptome auf, wird zum vorherigen Schritt zurückgekehrt und erst nach Ablauf von 24 Stunden erneut eine Steigerung versucht.

Um die Diagnostik von Hirnschäden zu erleichtern, werden künftig neurobiochemische Marker wichtig werden. Dabei handelt es sich um Proteine, die nur von Astrogliazellen oder von Neuronen synthetisiert werden. Ein Beispiel ist der bereits auf dem Markt erhältliche Marker S-100beta. Tritt dieses Eiweiß im peripheren Blut auf, kann das ein Hinweis auf eine Hirnschädigung sein. Der Spiegel solcher Proteine im peripheren Blut soll künftig die Entscheidung erleichtern, ob zum Beispiel eine Schädel-CT notwendig ist.

Veranstaltungshinweis: Vom 12. 3. Bis 17. 3. 2007 findet zum dritten Mal ein Symposium über leichte Schädel-Hirn-Traumata in St. Moritz in der Schweiz statt: "SHT Third International Meeting On Minor Traumatic Brain Injuries "mTBI" In Sports" (www.orthopaedie-samedan.ch/mtbi.html)

FAZIT

Leichte Schädel-Hirn-Traumata im Sport sind keine Bagatellunfälle. Gerade in Kontaktsportarten gilt es, solche Verletzungen früh zu erkennen und die Sportler sofort aus dem Wettkampf zu nehmen. Eine Expertenkommission von IOC, FIFA und IIHF hat dafür konkrete Diagnose-Kriterien erarbeitet.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Gluten kann auch Reizdarm verursachen

Wenn Reizdarmpatienten, die nicht an Zöliakie leiden, über glutenabhängige Beschwerden klagen, kann das ein Noceboeffekt sein. Es kann sich aber um etwas anderes handeln. mehr »

Entlassmanagement krankt an schlechter Kommunikation

Kaum in Umlauf, gerät der Medikationsplan in die Kritik. Ärzte fordern, Webfehler im System zu beheben. mehr »

So hoch ist der Diabetiker-Anteil in den 16 Bundesländern

In Deutschland leben mehr Menschen mit Diabetes als bisher geschätzt: Inzwischen leidet rund jeder zehnte GKV-versicherte Bundesbürger an Diabetes. mehr »