Ärzte Zeitung, 19.01.2007

"Die Spieler sind überlastet"

Handball-Arzt rechnet bei heute beginnender WM mit schweren Verletzungen / Zu kurze Regenerationszeit

KÖLN (pah). Die heute beginnende Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland wird nicht ohne schwere Verletzungen ablaufen. Davon ist Professor Kurt Steuer überzeugt, einer der Ärzte, die bei der WM für die medizinische Versorgung zuständig sind.

Der deutsche Handball-Nationalspieler Lars Kaufmann kämpft sich bei einem Länderspiel gegen Schweden durch die gegnerische Abwehr. Foto: dpa

"Wir werden die WM nicht ohne Kreuzbandriss hinter uns bringen", sagt der Unfall- und Gelenkchirurg. Auch die Verletzungsmisere der deutschen Nationalmannschaft überrascht ihn nicht. "Die Spieler sind überlastet und haben kaum noch Regenerationszeit, das fördert die Verletzungsanfälligkeit."

Bei der Weltmeisterschaft, die bis zum 4. Februar dauert, betreut Steuer den Spielort Köln, wo die Spiele ab dem Viertelfinale ausgetragen werden. Er organisiert die medizinische Versorgung für die Spieler aller Nationalmannschaften, die es bis in die Schlussrunden schaffen.

Außerdem ist er für Trainer, Schiedsrichter und andere Offizielle verantwortlich. Um das Publikum in der 19 000 Zuschauer fassenden Köln-Arena kümmert sich der Rettungsdienst der Stadt. Die deutschen Nationalspieler betreut Sportarzt Berthold Hallmaier aus Rottenburg.

Der 51-jährige Steuer arbeitet seit 20 Jahren mit Handballern. Noch als Student fing er 1986 beim TuS Niederpleis an. Später betreute er fünf Jahre die Spieler des Handballbundesligisten SG Solingen, die jetzigen Bergischen Löwen. Seit 1996 ist er Verbandsarzt des Deutschen Handballbundes (DHB). Im vergangenen Jahr war er unter anderem Mannschaftsarzt der DHB-Junioren, als sie bei der Europameisterschaft in Innsbruck den Titel gewannen.

 
"Werden die WM nicht ohne Kreuzbandriss hinter uns bringen": Prof. Kurt Steuer. Foto: privat  
   

Die Betreuung der Handballer sieht er als wichtigen Ausgleich zu seiner Tätigkeit als Chefarzt der Klinik für Unfall- und Gelenkchirurgie im Evangelischen Waldkrankenhaus in Bad Godesberg bei Bonn. "Die Arbeit mit den Sportlern hält mich jung und mit beiden Beinen auf dem Boden."

Außer Kreuzbandrissen gehören Gesichts- und Halsverletzungen zu den häufigsten Verletzungen bei Handballern. Auch wenn für den Erfolg die Taktik entscheidend ist, geht es mit Härte zur Sache. "Die meiste Angst habe ich vor Verletzungen durch Schläge gegen den Hals", sagt Steuer. "Ich habe schon erlebt, wie ein Spieler deshalb in der Halle bewusstlos wurde."

Die Schiedsrichter sind zwar keinem direkten Körperkontakt ausgesetzt, aber auch ihnen drohen Verletzungen. "Das Spiel ist so schnell geworden, dass die Schiedsrichter körperlich fast genauso belastet sind wie Leistungsspieler", sagt Steuer. Verletzungen an der Achillessehne oder Muskelprobleme kämen häufig vor.

Bei allem Enthusiasmus für seine Arbeit schätzt Steuer die sportlichen Aussichten der deutschen Handballer nüchtern ein. "Man sollte die Erwartungen nicht zu hoch setzen." Für einen Titelgewinn sei die Mannschaft noch zu jung.

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