Ärzte Zeitung, 06.06.2007

Bei mancher chronischen Krankheit ist Sport eine Therapie

Ausdauer- und Krafttraining nützen Patienten mit KHK, Herzinsuffizienz oder Diabetes / Mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche nötig

Von Karin Vonbank

In den letzten Jahren hat sich in der Medizin die Sichtweise auf körperliche Bewegung wesentlich verändert. War es früher üblich, Patienten mit chronischen Erkrankungen von jeglicher Bewegung abzuraten, konnte in den vergangenen Jahren durch viele Studien bewiesen werden, dass körperliche Aktivität nicht nur für die Prävention bedeutend ist. Sondern auch, dass körperliche Aktivität eine hervorragende, oftmals der medikamentösen Therapie überlegene krankheitsverbessernde Wirkung auf manche chronische Krankheit hat.

Durch ein aktives Leben mit jahrelanger regelmäßiger Bewegung ist es möglich, das Risiko etwa von Brust- oder Darmkrebs um bis zu 60 Prozent zu reduzieren. In einer Umfrage zeigte sich aber, dass etwa 38 Prozent der Bevölkerung nur gelegentlich und 24 Prozent nie aktiv sind.

Krafttraining hilft auch bei bestehender Osteoporose

Durch regelmäßige Bewegung können chronische Krankheitsverläufe direkt beeinflusst werden, wobei das nur durch ein effizientes und auf den Patienten zugeschnittenes Ausdauer- oder Krafttraining erreicht werden kann. Bei KHK wird durch organisiertes Training die Sauerstoffversorgung des Herzens verbessert durch Verringerung der Herzarbeit und des Sauerstoffverbrauches bei gleicher Belastung. Früher hat man Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz von Training ausgeschlossen. In den vergangenen Jahren konnte gezeigt werden, dass sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining die Leistungsfähigkeit und damit die Lebensqualität signifikant verbessern.

Nach diesen neuen Erkenntnissen kann etwa auch bei nicht-insulinabhängigen Diabetes durch ein gezieltes Kraft- und Ausdauertraining die Insulinresistenz herabgesetzt und die Insulinsensitivität verbessert werden.

Regelmäßige Bewegung dient zudem primär der Osteoporoseprävention. Dennoch gibt es auch Hinweise, dass die Knochendichte durch ein adäquates Krafttraining bei bereits bestehender Osteoporose zunimmt.

Von den fünf motorischen Grundeigenschaften - Ausdauer, Kraft, Koordination, Flexibilität und Schnelligkeit - sind im Wesentlichen nur Ausdauer und Kraft für die medizinische Trainingstherapie bedeutend. Prinzipiell ist es vor allem für ältere Menschen wichtig, körperliche Übungen in einem Trainingszentrum unter Aufsicht von medizinisch geschultem Personal und Ärzten zu beginnen.

Optimal wäre es, pro Woche drei- bis viermal zu trainieren

Für das Ausdauertraining geeignete Sportarten sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass mehr als ein Sechstel der gesamten Muskelmasse bewegt wird. Dazu gehören etwa Gehen, Laufen, Schwimmen oder Radfahren. Für das Ausdauertraining liegt der Intensitätsbereich zwischen 50 und 70 Prozent der maximalen aeroben Leistungsfähigkeit (VO2max). Die Kontrolle erfolgt im Training über die Trainingsherzfrequenz (HFTr), die der gewünschten Intensität zugeordnet werden kann. Berechnet wird die HFTr anhand einer symptomlimitierten Belastungsuntersuchung.

Ausgehend von dieser Untersuchung kann auch der wöchentliche Trainingsumfang, je nach erbrachter Leistung, festgelegt werden. Es müssen mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche absolviert werden, optimal wären aber drei bis vier. Zur systematischen Verbesserung der Leistungsfähigkeit ist eine Steigerung des wöchentlichen Trainingsumfanges um 25 bis 50 Prozent alle sechs bis acht Wochen notwendig. Wird das Training allerdings beendet, so führt dies unweigerlich wieder zu einem Rückgang der Leistungsfähigkeit und parallel dazu auch der organischen Anpassungen.

Vier bis sechs Wochen nach Beendigung einer dreimonatigen Trainingsperiode mit einem Leistungszuwachs von 15 bis 20 Prozent ist dieser Trainingseffekt wieder vollständig aufgehoben. Allerdings: Jede akute Erkrankung, jede Exazerbation oder Entgleisung der chronischen Erkrankung stellt eine Kontraindikation für das Training dar. Voraussetzung für die physische Betätigung ist immer die Fortführung der Therapie sowie das Mitführen einer Notfallmedikation.

In den letzten Jahren hat die Bedeutung des Krafttrainings als Bestandteil der medizinischen Trainingstherapie wesentlich zugenommen. Im Gegensatz zu Ausdauerübungen, die auch zu Hause fortgesetzt werden können, sind für ein adäquates systematisches Kraftaufbautraining spezialisierte Zentren notwendig. Für das Krafttraining gelten die gleichen Regeln wie für das Ausdauertraining: die Festlegung von Intensität, Wiederholungszahl und der Übungssätze pro Muskelgruppe. Das Krafttraining muss fortlaufend an die Fortschritte des Trainierenden angepasst werden.

Dr. Karin Vonbank, Universitätsklinik für Innere Medizin IV, AKH Wien. Der Artikel erschien zuerst in der österreichischen Zeitschrift "Ärzte Woche" am 15. März 2007.

FAZIT

Regelmäßige Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie und Rehabilitation bei chronischen Erkrankungen. Oft ist es möglich, dadurch den Verlauf der Krankheit positiv zu beeinflussen und die Medikamentendosis zu reduzieren. Richtiges und konsequentes Training führt unabhängig von der Art der Erkrankung und vom Schweregrad zur Erhöhung der maximalen aeroben Leistungsfähigkeit und damit zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität und Reduktion der krankheitsspezifischen Sterberate.

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