Ärzte Zeitung, 25.05.2007

HINTERGRUND

Mit ausgefeilten Tricks umgehen Dopingsünder die laschen Kontrollen

Von Thomas Müller

Eine Beichte folgt der anderen: Immer mehr Radsportler streuen sich Asche aufs Haupt und bekennen sich zu ihren Dopingsünden - wenn auch nur zu solchen, die in der Vergangenheit liegen. Damit stellt sich die Frage, weshalb man die Sünder nicht auf frischer Tat ertappt. Offenbar fehlt dazu der Wille, denn mit modernen Tests lässt sich fasst alles im Blut und Urin nachweisen, was jemand unerlaubterweise zu sich genommen hat, so Dr. Hans Geyer, Leiter des Zentrums für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Die heutigen Test-Methoden werden jedoch viel zu selten angewandt. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn man nichts findet." Das wissen auch die Athleten. Geyer verrät der "Ärzte Zeitung" einige Tricks, mit denen Kontrollen wirksam umgangen werden:

  • EPO rechtzeitig absetzen. Je nach Dosis ist gentechnisch hergestelltes Erythropoetin nur zwei Tage lang im Körper nachweisbar. Getestet wird im Radsport aber meist erst nach dem Rennen. Die Sportler können also in aller Ruhe während der Trainingsphase mit EPO ihre roten Blutkörperchen vermehren. "Um EPO aufzuspüren, muss man zwischen den einzelnen Rennen und einige Wochen vor den Rennen unangekündigte Kontrollen machen. Das ist im Radsport nicht oder nur unzureichend der Fall", so Geyer. Immerhin: Auch Delta-Erythropoetin (Dynepo®), das in einer humanen Tumorzelllinie produziert wird, lässt sich mit dem Standard-Test gut nachweisen: Das Glykosilierungsmuster unterscheidet sich geringfügig von dem bei natürlichem EPO.
  • An Grenzwerte herandopen. Ein Hämatokrit-Wert von über 50 Prozent gilt als gefährlich und verdächtig. Wer darüber liegt, darf zur eigenen Sicherheit nicht am Wettkampf teilnehmen. Eigentlich sollte der Grenzwert auch helfen, EPO-Sünder aufzuspüren, etwa als man EPO-Doping noch nicht nachweisen konnte. Doch inzwischen versuchen Athleten, mit Hilfe von Ärzten beim EPO-Doping dicht an den Grenzwert heranzukommen, notfalls werden Infusionen gegeben, damit der Wert kurzfristig sinkt, weiß Geyer.

Ähnliches gilt für Testosteron. Das Steroid wird mit Insulin oder Insulin-Analoga zur schnelleren Regeneration zwischen den Rennen verwendet. Als verdächtig gilt ein Verhältnis von Testosteron zu Epitestosteron von über 4. Erst wenn dieser Wert überschritten wird, erfolgt eine aufwändige Analyse per Isotopen-Massenspektrometrie. Bei dem Verfahren lassen sich körperfremde Steroide anhand ihres Kohlenstoff-Isotopenverhältnisse sehr zuverlässig aufspüren. Einige Athleten dopen daher bis knapp an den Grenzwert von 4 heran oder nehmen zusätzlich Epitestosteron, damit sich das Verhältnis der beiden Substanzen nicht ändert und somit auch keine Isotopen-Analyse erfolgt. Geyer fordert hier: Auch bei einem Quotienten unter 4 sollten Stichproben per Isotopen-Analyse geprüft werden.

Ein weiteres Problem: Die zusätzliche Testosterondosis lässt sich nach 12 bis 24 Stunden mit herkömmlichen Methoden nicht nachweisen. Nehmen Radsportler abends nach der Dopingkontrolle Testosteron, haben sie bis zum nächsten Abend nichts zu befürchten. Hier, so Geyer, müsste man eben morgens prüfen, was bisher nicht üblich ist.

  • Mittel, die im Urin nicht nachweisbar sind. Dazu gehören künstliche Hämoglobine, Wachstumshormon oder ACTH-Analoga wie Tetracosactid (Synacthen®). Um diese Substanzen nachzuweisen, müsste man Blutproben nehmen. Dies sei im Radsport aber nach wie vor unüblich, berichtet Geyer.

STICHWORT

Erythropoetin

Wie wirkt EPO? Das Peptidhormon Erythropoetin (EPO) stimuliert die Bildung von täglich 200 Milliarden Erythrozyten während der Hämatopoese. EPO-Bindungsstellen gibt jedoch auch in nicht-blutbildenden Geweben, etwa im Hippocampus. Diese Hirnregion ist besonders anfällig für Schäden durch Sauerstoffmangel.

Was sind die Indikationen? Ziel einer EPO-Therapie ist, die Erythrozyten-Bildung zu unterstützen, etwa bei Patienten mit renaler Anämie, Tumoranämie oder Anämien infolge von Chemotherapien.

Welche Präparate gibt es? Seit 1989 ist Epoetin α auf dem Markt, seit 2000 Epoetin β, 2001 kam Darbepoetin α hinzu. Alle drei sind rekombinante humane Erythropoetine, die mit Ovarialzellen des Chinesischen Hamsters (CHO-Zellen) produziert werden. Seit diesem Jahr ist Epoetin δ verfügbar, das über eine humane Tumorzelllinie gewonnen wird.

Was sind die unerwünschten Wirkungen? Symptome wie Kopf- und Gelenkschmerzen, Schwäche; thrombotische vaskuläre Ereignisse, etwa Schlaganfall; Blutdruckanstieg, hypertensive Krise und generalisierte tonisch-klonische Krampfanfälle.
(hub)

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