Ärzte Zeitung, 27.04.2009

Schwule und Lesben kritisieren Kongress von Psychotherapeuten

Ein internationaler Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg sorgt unter Homosexuellen für Aufregung: Sie werfen ihm Homophobie vor.

Von Gesa Coordes

Schwule und Lesben kritisieren Kongress von Psychotherapeuten

Homosexuelle sehen sich diskriminiert.

Foto: Diana Lundin©www.fotolia.de

In der Unistadt Marburg machen Grüne, Homosexuelle, Studierende, Junge Liberale und andere Gruppen Front gegen eine Tagung zu Psychotherapie und Seelsorge. Sie werfen zwei Referenten des Kongresses, der in der Zeit vom 20. bis 24. Mai rund 1000 Teilnehmer erwartet, Homophobie vor. Nach Überzeugung des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) wollen sie "Homosexuelle zu Heterosexuellen therapieren".

Im Zentrum der Kritik stehen Markus Hoffmann und Dr. Christl Ruth Vonholdt. Hoffmann ist Vorsitzender des Vereins "wuestenstrom" - nach Überzeugung des LSVD eine "Umpolungsorganisation". Die Kinderärztin Vonholdt arbeitet für das "Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft". In ihren Publikationen behauptet sie, dass einiges dafür spreche, dass Homosexuelle häufiger Minderjährige sexuell belästigten als Heteros.

Die Landesmitgliederversammlung der hessischen Grünen sowie der LSVD fordern die Uni und die Stadt Marburg auf, sich von "Umpolungsangeboten" zu distanzieren. Der Veranstalter des Kongresses, die "Akademie für Psychotherapie und Seelsorge", sei bekannt dafür, homophobe Angebote zu unterstützen.

Die Grünen sprechen von Umpolungsangeboten.

Die Marburger Philipps-Universität sieht das anders. Bereits in der Vergangenheit habe die Akademie Hochschulräume gemietet, sagte Uni-Sprecherin Viola Düwert. Das seien "völlig neutrale Veranstaltungen" gewesen. In den strittigen Referenten sieht Düwert nur eine kleine Minderheit. Der Kongress insgesamt ziele nicht darauf ab, Schwule umzupolen.

Veranstalter Dr. Martin Grabe kann die Diskussion um die beiden Referenten nicht verstehen. Zum einen gehe es bei dem Kongress um das Thema "Identität - der rote Faden in meinem Leben". Homosexualität werde höchstens am Rande thematisiert. Zum anderen handele es sich um "eine Gesprächsplattform, um Therapeuten und Seelsorger aller Konfessionen ins Gespräch zu bringen". Grabe, der gleichzeitig Chefarzt der Abteilung für Psychotherapie an der Klinik Hohe Mark in Oberursel ist, betont, dass "zu jedem heißen Thema" das ganze Spektrum der kirchlichen Diskussion vertreten sei. "Wir möchten nicht, dass Leuten von vornherein der Mund verboten wird. Unser Ziel ist es, divergierende Meinungen an einen Tisch zu bekommen."

Homosexuelle finden sich allerdings nicht unter den Vortragenden. Die "Akademie für Psychotherapie und Seelsorge" hat 500 Mitglieder und gilt als Organisation der Evangelikalen. Unter dem Titel "Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus" hat sich ein Bündnis gegründet, das Aktionen gegen den Kongress vorbereitet. Auch der Präsident der Fachhochschule Frankfurt, Dr. Detlef Buchholz, hat Stadt und Uni aufgefordert, keine Räume für die Veranstaltung zur Verfügung zu stellen und sich von "homophoben Tendenzen" zu distanzieren. Der Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hingegen sieht keinen Grund, die Tagung zu verbieten. Von den strittigen Referenten hat er sich distanziert.

Unterdessen hat sich eine Gegeninitiative gebildet. Sie wirft Schwulenverbänden und Grünen "mediales Mobbing" und einen "Angriff auf fundamentale Freiheitsrechte" vor. Gleichzeitig behauptet die Initiative, dass Homosexualität ein gesundheitliches und psychisches Risiko berge. Zu den Unterzeichnern der Initiative zählen der Salzburger Weihbischof Andreas Laun sowie der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis.

Was Marburg während der Tagung erwarten kann, zeigt das Beispiel des "Christivals" 2008. Obwohl strittige Seminare während des evangelikalen Jugendtreffens in Bremen abgesetzt wurden, gab es teils gewalttätige Proteste.

[10.03.2010, 19:24:53]
Dirk A. Schmidt 
Wer entscheidet über Wissenschaftlichkeit oder NICHT?
Aus den Kommentaren von Hr. Veit und Hr. Borrmann sehe ich deutlich , daß es Denkverbote gibt! Wer entscheidet denn, was Wissenschaftlich ist und was nicht?!?

Aus Gesprächen mit Betroffenen, die unter Homosexualität leiden, sehe ich durchaus die Notwendigkeit von Gesprächen. Nicht alle Menschen kommen mit Ihrer Homosexualität klar.

Anscheinden wird selbst diesen Menschen jetzt auch schon eine entsprechende (Psycho-)Therapie versagt. Leider führt das dann bei den Betroffenen mitunter dann zum Suizid vor Verzweiflung: Es war ein guter Freund! zum Beitrag »
[28.04.2009, 11:32:23]
Andreas Veit 
Kein Raum für Scharlatane
Es geht hier nicht um Meinungsfreiheit, sondern darum, dass unter dem Deckmantel der Psychotherapie unwissenschaftliche Methoden und völlig haltlose Theorien in städtischen und universitären Räumen verbreitet werden. Der Berufsverband Deutscher Fachärzte für Psychatrie und Psychotherapie hat gerade erst eine Stellungnahme zum Thema veröffentlicht, der unter anderem folgendes zu entnehmen ist:
- Homosexualität ist keine Krankheit, sondern eine häufige Form menschlichen Zusammenlebens und bedarf keiner Therapie.
- Der Ausdruck „reparative Therapie“ suggeriert fälschlicherweise eine vorherige Fehlfunktion, die korrigiert werden soll.
- Psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungsansätze sind nicht die Homosexualität als solche, sondern die Konflikte, die mit der Homosexualität in Verbindung mit religiösen, gesellschaftlichen und internalisierten Normen entstehen.
Menschen wie die hier kritisierten Referenten Hoffmann und Vonholdt mixen munter ihre fundamentalistische Religiösität mit Pseudo-Psychiatrie. Homosexualität als therapierbar darzustellen ist nicht nur wissenschaftlich falsch und haltlos, sondern auch gefährlich. Denn so wird ihr das Stigma einer Krankheit verliehen, was zum einen eine Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen darstellt und desweiteren Menschen die wegen ihrer homosexuellen Neigungen angefeindet werden, vorgaukelt, sie könnten und sollten sich "heilen" lassen. Das ist moderne Scharlatanerie und hat in den Räumen einer Universität nichts zu suchen. zum Beitrag »
[28.04.2009, 10:18:41]
Dr. Dieter Borrmann 
Therapieangebote an Homosexuelle sind zumindest dubios
Sehr geehrter Herr Schmidt,
es ist ein absolutes Unding, Therapieangebote zur "Heilung von Homosexualität" zu machen. Dies verleitet zur Annahme, es handele sich um einen Defekt. Dies ist nicht der Fall. Siehe hierzu die aktuelle Stellungnahme des BVDP http://www.lsvd.de/611+M59eaa3160e1.0.html
Insofern ist Ihre Kritik an den Homosexuellenverbänden absolut nicht gerechtfertigt.

 zum Beitrag »
[27.04.2009, 13:30:03]
Dirk A. Schmidt 
Meinungsfreiheit???
Anscheind darf es in Deutschland keinerlei kritische Stimmen oder andere Ansichten geäußert werden! Wenn doch, werden die diversen Homosexuellenverbände gleich militant. Eine vernünftigte Diskussion des komplexen Themas scheint nicht möglich. Kritiker werden versucht mundtod zu machen, d.h. es gibt ein Denkverbot.
Nur durch wiederholung und Gewalt werden Argumente nicht richtiger. Im Gegenteil - man hat den Verdacht das etwas nicht ans Tageslicht kommen darf.
Mit Meinungsfreiheit, demokratischer Grundordnung und GG der Bundesrepublik hat so etwas nichts zutun.
Von daher wünsche ich dem Kongress für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg ein gutes und störungsfreies Gelingen! zum Beitrag »

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