Ärzte Zeitung, 22.10.2007

"Kampf gegen Kinderarmut muss höchste Priorität haben"

Präsident des Kinder- und Jugendärzteverbandes fordert Politiker zum Handeln auf

BAD ORB (ras). Armut wirkt sich auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gravierender aus als bislang vermutet. Trotzdem haben Politiker auf diese Herausforderung nur unzureichend reagiert, kritisiert der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Dr. Wolfram Hartmann.

 "Kampf gegen Kinderarmut muss höchste Priorität haben"

Zu wenig Geld? Das Hartz IV-Budget sieht für Kinder und Jugendliche einen Tagesbedarf von 3,42 Euro vor. Für gesunde Ernährung reicht das kaum.

Foto: imago

"Der Kampf gegen Kinderarmut muss höchste Priorität haben", forderte Hartmann deshalb auf dem Bad Orber Herbstkongress. Etwa 17 Prozent der 11,5 Millionen Kinder lebten mittlerweile unterhalb der definierten Armutsgrenze, sagte Hartmann. Das seien nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes 2,6 Millionen Kinder bis zum Alter von 18 Jahren - 100 000 mehr als noch im vergangenen Jahr. In Großstädten wie Frankfurt am Main lebt nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes inzwischen jedes vierte Kind unter 15 Jahren in Familien, die von Hartz IV leben.

Das zieht nach Hartmanns Worten erschütternde Folgen nach sich. Kinder, die in armen Familien leben, neigen häufiger zu psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen sowie zu mangelndem Selbstwertgefühl. Dies wiederum führe vermehrt zu chronischen Bauch- und Kopfschmerzen, Depressionen und Suizidgedanken. Durch das Kinder- und Jugendgesundheits-Survey (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts wurden im Frühjahr erstmals valide Zahlen zu Gesundheitsrisiken bei Kindern aus sozial schwachen Familien bekannt.

Auch Nikotin- und Alkoholmissbrauch kommen bei jungen Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten wesentlich häufiger vor. Außerdem würden die betroffenen Kinder häufig an den Folgen von Fehl- oder gar Mangelernährung leiden. So hat das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung herausgefunden, dass pro Tag mindestens 4,68 Euro nötig sind, um den Appetit eines Kindes mit ausgewogener Kost zu stillen. Jugendliche jedoch, die in Hartz-IV-Familien leben, steht dafür pro Tag nur ein Budget von 3,42 Euro zur Verfügung.

Um die Situation von Familien, die unter der Armutsgrenze leben, zu verbessern, sei es mit finanziellen Zuwendungen an die Eltern nicht getan, sagte Hartmann vor 550 Kongressteilnehmern. Um Politiker zum Handeln zu drängen, sollte von der Regierung jährlich ein Bericht vorgelegt werden, in dem über den Kampf gegen die Kinderarmut Rechenschaft abgelegt wird. Zudem müssten sozial schwache Familien von Fachleuten begleitet werden, um ihre Erziehungskompetenz zu stärken. Da die meisten Familien selbst kaum einen Arzt aufsuchten, müssten sie Hilfe zu Hause erhalten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »