Ärzte Zeitung, 07.11.2007

KOMMENTAR

Deutsche Ärzte sind gefragt - im Ausland

Von Siegmund Kalinski

Schon die Bibel lehrt es uns, bei Matthäus lesen wir: Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterland. So war es zu biblischen Zeiten, so ist es auch heute. Inzwischen ist der ärztliche Beruf keineswegs mehr hoch geschätzt, für Ministerien und Krankenkassen sind die Mediziner reine Leistungserbringer. Die Doktores sind zusehends frustriert und suchen ihr Glück in der Ferne.

Immer mehr Ärzte verlassen Deutschland. Sie sind enttäuscht, sowohl über Arbeitsbedingungen hier als auch über die Honorierung ihrer Leistungen, und zwar gleich, ob sie im stationären oder ambulanten Sektor tätig sind. Bereits 16 000 Mediziner haben Deutschland aktenkundig den Rücken gekehrt, und ihre Zahl wächst. Natürlich sind nicht alle aus Frust gegangen, aber der Anteil der Frustrierten dürfte nicht gering sein.

Die Ärztekammer Hamburg hat sogar eine Beratungsstelle für Ärzte eingerichtet, die nach Schweden wechseln wollen - ein guter Dienst am Kunden, könnte man sarkastisch anmerken. Besonders nachdenklich stimmt dabei, dass die Auswanderer von den Arbeitsbedingungen am neuen Ort oft begeistert sind. Und was tun wir dagegen? Wir erfinden neue Formulare ...

Der Bericht in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über einen 60-jährigen Hausarzt aus dem Sauerland, der seine gut gehende Praxis verließ, um in St. Gallen in der Schweiz eine Stellung in einer Klinik anzunehmen, ist nur ein Beispiel, das leider keine Ausnahme ist. Da lassen Doktores nicht etwa einen Scherbenhaufen, sondern trauernde Patienten zurück und fangen nach Jahren ärztlicher Tätigkeit woanders noch einmal neu an. Und bei uns? Bei uns bleibt alles beim alten Trott.

Warum wacht hier keiner auf? Da muss doch etwas faul sein in Deutschland! Die Ausbildung eines Mediziners kostet den Staat eine halbe Million Euro - und Jahr für Jahr verlassen immer mehr Mediziner Deutschland. Dieser Verlust ist umso schmerzhafter, weil die, die diesen Schritt wagen, vitale Mediziner sind, die wir hier händeringend brauchen und auf die unzählige Praxen älterer Kollegen warten, die sonst verwaist bleiben. Wie lange noch können wir uns ein solches Ausbluten leisten? Überall sind deutsche Ärzte gefragt und gut honoriert. Überall im Ausland. Doch man gilt halt nichts als Prophet im eigenen Land ...

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