Ärzte Zeitung, 16.11.2007

UND SO SEH´ ICH ES

Die "gefühlte Inflation" wird zum Problem der Politiker

Lange war Inflation kein Thema bei uns in Deutschland, die Preise waren mehr oder weniger stabil. Doch nachdem selbst der Präsident der Bundesbank vor einer solchen Gefahr warnte, ist das Wort Inflation wieder in aller Munde. Und es stimmt: Alles ist teurer geworden.

Jeder befürchtet inzwischen das Schlimmste. Sogar HR-Info berichtete Anfang November, dass das Dinner im Zelt bei Witzigmann und Roncalli in diesem Jahr 139 Euro kostet, 40 Euro mehr als vor einem Jahr. Und das Trüffeldiner in der Villa Kennedy in Frankfurt am Main sogar 199 Euro!

Was Otto Normalverbraucher durchaus verschmerzen könnte - nicht aber die enorm gestiegenen Kosten des täglichen Verbrauchs, die dazu führen, dass sein Portemonnaie oft bereits zur Monatsmitte fast leer ist. Unsere Ökonomen sind über eine drohende Inflation geteilter Meinung. Die einen sehen in den Warnungen eher Schwarzmalerei als reale Gefahr und verweisen darauf, dass sich die Inflation bei uns seit mehreren Jahren so um die zwei Prozent bewege, und das sei im Prinzip ganz normal.

Stagnation bei Honoraren ist auch eine Form der Inflation.

Die anderen entgegnen, dass diese Statistiken auf den Werten eines so genannten Warenkorbs beruhen, aber nicht die Situation von Otto Normalverbraucher widerspiegeln. Der kaufe den Flachbildfernseher, der im Warenkorb liegt und jetzt sogar um 30 Prozent billiger geworden ist, nicht jeden Monat, dafür aber Tag für Tag Milch, Brot und Joghurt, und gerade diese Grundnahrungsmittel haben sich stark verteuert. Von den Treibstoff- und Heizölpreisen soll hier gar nicht die Rede sein. Selbst wenn die Statistiker widersprechen sollten: Der Bürger hat das Gefühl, dass alles teurer geworden ist. Aus diesem Empfinden heraus wurde ein neuer Begriff geboren, die "gefühlte Inflation”.

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Die Löhne hinken hinter den Preisen her, die Renten wurden seit Jahren nicht erhöht, die ärztlichen Honorare übrigens auch nicht, das, was man berappen muss, wird täglich mehr. Der Bauch der Bürger hat oft haargenau das richtige Gespür - und meist schon lange, bevor Wirtschaftsfachleute es bestätigen.

Der Bundesregierung passt das bestimmt nicht ins Konzept. Weder eine gefühlte noch eine echte Inflation kann ihr jetzt, direkt vor den wichtigen Landstagswahlen in einigen Bundesländern, gelegen kommen. Es ist also für die Verantwortlichen an der Zeit, sich der Sache anzunehmen. Dabei werden sie sich wohl kaum so leicht herausreden können wie der Kardiochirurg, als er seine Harley-Davidson von der Inspektion abholen wollte und ihm der Mechaniker sagte: "Ach, Herr Doktor, eigentlich mache ich doch die gleiche Arbeit wie Sie. Ich habe den Motor aufgemacht, alle Zylinder ausgebaut, die Kolben und Ventile gereinigt und alles wieder eingebaut, genauso wie Sie es tun. Sie aber werden viel höher angesehen als ich. Das finde ich ziemlich ungerecht!"

Der Angesprochene kratzte sich am Kopf und antwortete nach kurzem Überlegen: "Versuchen Sie doch einmal, das gleiche bei laufendem Motor zu tun..."

Ihr Ironius

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