Ärzte Zeitung, 22.11.2007

Desorientiert, skeptisch, pessimistisch

Die Bürger wissen nur wenig über die Gesundheitsreform - ihr Vertrauen in die Zukunft des Systems schwindet

BERLIN (HL). Zwei Drittel der Bevölkerung sehen die gegenwärtige Gesundheitsversorgung als gut an. Aber die Sorgen wegen wachsender Kosten, geringerer Leistungen und einer Tendenz zur Zwei-Klassen-Medizin wachsen. Auch die Gesundheitsreform hat daran nichts geändert. Siebeneinhalb Monate nach deren Inkrafttreten weiß darüber kaum jemand Bescheid.

Nur eine Minderheit interessiert sich für Kostenerstattung.

Inhalte der Gesundheitsreform sind durchweg unbekannt.

Das sind Ergebnisse einer Repräsentativumfrage des Allenbacher Instituts für Demoskopie im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Danach erwarten in den nächsten zehn Jahren 84 Prozent der Bürger steigende Beiträge in der GKV, 81 Prozent höhere Zuzahlungen für Arzneimittel, 78 Prozent eine Entwicklung zur Zwei-Klassen-Medizin und 74 Prozent weitere Reformen. 72 Prozent glauben, dass die Kassen künftig nur noch eine Grundversorgung übernehmen, die Ärzte immer weniger Zeit haben (68 Prozent) und dass es immer schwieriger wird, teure Medikamente zu bekommen (63 Prozent).

Diese Einschätzungen sind in den vergangenen Jahren zunehmend kritischer geworden. Inzwischen sind 76 Prozent skeptisch, ob es der Politik gelingt, längerfristig eine gute Gesundheitsversorgung sicherzustellen; vor zwei Jahren waren es 65 Prozent.

 Desorientiert, skeptisch, pessimistisch

Nur eine Minderheit interessiert sich für Kostenerstattung.

Offenkundig hat die Politik ein Kommunikations- und dementsprechend auch ein Vertrauensproblem. Siebeneinhalb Monate nach Inkrafttreten der Gesundheitsreform geben nur fünf Prozent der befragten an, ziemlich genau über Reforminhalte Bescheid zu wissen. 55 Prozent sagen, sie wüssten nur wenig. Nur 28 Prozent haben selbst konkrete Änderungen festgestellt - bei Nachfrage, so Allensbach-Chefin Professor Renate Köcher, habe sich gezeigt, dass dies auch Folgen vorangegangener Reformen sind.

Ganz diffus ist das Bild vom Gesundheitsfonds: zehn Prozent sehen Nachteile, 17 Prozent Vorteile, 36 Prozent glauben weder das eine noch das andere, 37 Prozent sind unentschieden. Ein anderes Reformelement, der Basistarif in der PKV, kann die Koalition nicht als Erfolg feiern: ein Wechsel käme nur für 17 Prozent in Betracht.

Hohes Interesse haben die Bürger an Spezialtarifen in der gesetzlichen Krankenversicherung: 52 Prozent beispielsweise am Hausarzttarif, 45 Prozent an einem Tarif für integrierte Versorgung, aber nur 17 Prozent an einem Kostenerstattungstarif. Allerdings nur drei Prozent nehmen gegenwärtig einen der Wahltarife in Anspruch - 61 Prozent ist von ihrer Krankenkasse noch gar nichts angeboten worden.

Nachgefragt hat Allensbach auch zur Krankenhausversorgung. Der Trend: Die Ansprüche an den Komfort werden immer höher. Mit der medizinischen Versorgung sind 91 Prozent, mit der Pflege 85 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden. Wer als Patient im Krankenhaus war, ist dort auf hilfsbereites Pflegepersonal (76 Prozent), modernste medizinisch-technische Einrichtung (57 Prozent) und besonders gute Ärzte (50 Prozent) getroffen. Aber 53 Prozent sagen, die Ärzte hätten zu wenig Zeit für den einzelnen Patienten, 43 Prozent sehen eine Überlastung des Pflegepersonals. Ein Viertel glaubt, es gebe zu wenig Ärzte.

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