Ärzte Zeitung, 03.12.2007

Die Praxisgebühr ist Normalität geworden

In vielen KVen liegen die Fallzahlen wieder auf dem Niveau von 2003 / Verlierer sind jedoch die Fachärzte

NEU-ISENBURG. Die Praxisgebühr hält kaum noch Patienten vom Arztbesuch ab. Die Fallzahlen steigen wieder und erreichen das Niveau des Jahres 2003. Aber: Es werden weniger Fachärzte konsultiert - oder sie werden gezielt In Anspruch genommen. Ein Ausnahmefall scheint die Hauptstadt zu sein: Vor allem in sozialen Problembezirken geht die Zahl der Konsultationen zurück.

Das ist längst Routine: Kassieren der Praxisgebühr beim ersten Kontakt im Quartal. Zumindest Hausärzte haben heute nicht weniger Fälle als 2003.

Foto: Klaro

Nach Auffassung der KV Nordrhein führen Gewöhnungseffekte und Zuzahlungsbefreiungen zu steigenden Fallzahlen bei den niedergelassenen Ärzten. "Wir sehen die steigenden Fallzahlen in den Arztpraxen positiv", sagt KV-Sprecherin Karin Hamacher der "Ärzte Zeitung". Direkt nach Einführung der Praxisgebühr habe die Gefahr bestanden, dass Patienten zu spät zum Arzt gehen und Krankheiten verschleppen.

Im zweiten Quartal 2007 verzeichneten die nordrheinischen Hausärzte fast so viele Patientenbesuche wie vor Einführung der Praxisgebühr, auch bei den Fachärzten stiegen die Fallzahlen. Im Notdienst war die Fallzahl 2004 um 13,38 Prozent gesunken. Im Jahr 2006 lag die Zahl der Patienten dort nur noch um 6,06 Prozent unter denen von 2003.

Zahl der Befreiungen steigt, Steuerungswirkung lässt nach

Ein weiterer Grund für steigende Fallzahlen: "Durch Disease-Management-Programme und Hausarztverträge werden immer mehr Patienten von der Praxisgebühr befreit", so Hamacher. Damit werde der Steuerungseffekt der Gebühr unterlaufen.

Auch in Westfalen-Lippe nähern sich die Zahlen der Arztbesuche aus der Zeit vor Einführung der Praxisgebühr an. Nach KV-Angaben betrug die Zahl der Praxisbesuche im zweiten Quartal dieses Jahres 12,05 Millionen, nur noch 2,7 Prozent weniger als im zweiten Quartal 2003. Wieder zugenommen haben vor allem die Patientenzahlen bei den Hausärzten. "Bei den Fachärzten ist das nicht durchgehend der Fall", sagte KVWL-Vize Dr. Wolfgang-Axel Dryden. Dermatologen und Gynäkologen verzeichneten nach wie vor zweistellige Rückgänge.

In Thüringen wurde bereits 2006 in den Hausarztpraxen wieder das Fallzahlniveau von 2003 erreicht. Allerdings gibt es in diesem Bundesland vergleichsweise viele Patienten, die von der Zuzahlung befreit sind.

Auch in Niedersachen und Bremen ist die Zahl der Arztkontakte nach einer Talfahrt wieder auf das Level von 2003 gestiegen. In Niedersachsen ist die Fallzahl nach Einführung der Praxisgebühr zunächst um 8,7 Prozent gesunken. Besonders betroffen waren Augenärzte, Chirurgen, Gynäkologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Hautärzte und Orthopäden. Dieses Tal ist inzwischen durchschritten.

Die Fallzahl der Hausärzte im Land lag im ersten Quartal 2007 um durchschnittlich 7,2 Prozent höher als im ersten Quartal 2004. Bei den Fachärzten verzeichnete die KV Niedersachsen sogar einen Anstieg von 9,5 Prozent. Ausnahme sind die Gynäkologen. Bei ihnen stieg die Zahl der Arztkontakte seit 2004 kaum.

Aus Bremen liegen nur Zahlen des Notfalldienstes Bremen Stadt vor. Anfang 2004 sank hier die Zahl der Behandlungsfälle von 43 643 um rund 22 Prozent auf 33 847. Nach den ersten drei Quartalen 2007 lag die Zahl bereits wieder bei 25 654. Die KV Bremen rechne damit, dass zu Jahresende der Level von 2003 wieder erreicht sei, hieß es.

In Berliner Problemkiezen sinkt die Fallzahl stark

In der Hauptstadt bestätigt sich dieser Trend nicht. Selbst im vergangenen Jahr haben die Ärzte in Berlin im Durchschnitt noch 9,2 Prozent Patienten weniger behandelt als im Jahr 2003 vor Einführung der Praxisgebühr. Im ersten Jahr danach lag der Rückgang bei 10,2 Prozent.

Dabei wachsen zudem die Unterschiede zwischen den Bezirken. Nur im "Wohlstandsbezirk" Charlottenburg-Wilmersdorf mit der höchsten Arztdichte innerhalb der Hauptstadt haben die Ärzte 2006 mehr Patienten behandelt als 2003. Mit drei Prozent fällt dieser Anstieg moderat aus.

Dagegen verzeichnet der "Problembezirk" Neukölln, aus dem zunehmend Ärzte abwandern, mit einem Minus von 18,2 Prozent den stärksten Rückgang in ganz Berlin, gefolgt von Marzahn-Hellersdorf im Osten der Hauptstadt mit 16,3 Prozent Minus. Ob das auf die Sozialstruktur oder auf andere Faktoren zurückzuführen ist, weiß man nicht. akr/dür/cben/ami

STICHWORT

Praxisgebühr

Die Praxisgebühr wurde dem Gesundheitssystem-Modernisierungsgesetz (GMG) zum 1. Januar 2004 eingeführt. Zehn Euro müssen seit dem Ärzte von Kassenpatienten beim Erstkontakt im Quartal kassieren. Bei den Beratungen der Reform hatten sich die Ärzte heftig gegen diese neue Selbstbeteiligung gewehrt. Eigentlich sei es Aufgabe der Kasse, die Gebühr einzuziehen. Der Einzug in der Praxis ist aber möglicherweise ein wichtiger Grund dafür, dass es in nur ganz geringem Umfang Zahlungsausfälle gibt. (HL)

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