Ärzte Zeitung, 04.12.2007

Das Vertrauen schwindet, Skepsis und Sorgen nehmen zu

Die Gesundheitsversorgung im Urteil der Bundesbürger / Repräsentativumfrage

BERLIN. Noch ist das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens hoch. Das erleben vor allem direkt Betroffene: die Patienten. Aber die Sorge, dass dies nicht so bleibt, wächst. Eine Mehrheit der Bürger stellt sich auf ein teureres Gesundheitssystem mit weniger Leistungen ein. Dass Politiker daran etwas ändern könnten, glaubt fast keiner.

Auch in Zukunft gute Versorgung? EKG bei der Behandlung eines Schlaganfall-Patienten in einer Koblenzer Stroke Unit.

Foto: imago

Von Helmut Laschet

Was die Deutschen über ihr Gesundheitssystem, die Ärzte und Krankenhäuser denken und wie Patienten unmittelbar die Medizin erleben, die ihnen zuteil wird, hat im Spätsommer das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP in einer Repräsentativumfrage unter 1880 Bundesbürgern über 18 Jahre ermittelt.

Da Allensbach solche Umfrage bereits seit 1994 macht, lassen sich für wichtige Parameter auch Veränderungen im Zeitablauf ermitteln. Außerdem erlauben die Umfrageergebnisse eine differenzierte Beurteilung aus der Perspektive aller Bürger, also auch der Gesunden, und der Patienten im speziellen.

Generell gilt: die Deutschen fühlen sich so gesund wie nie: 66 Prozent sagen, es gehe ihnen gut oder sehr gut; 1994 waren es 61 Prozent. Seitdem hat sich der Anteil derer, denen es gesundheitlich schlecht oder ziemlich schlecht geht, auf vier Prozent halbiert.

Dennoch: das Gesundheitssystem in Deutschland bekommt von seinen Bürgern nicht mehr diejenigen hervorragenden Noten wie 1994. Damals sagten 82 Prozent, die Gesundheitsversorgung sei gut oder sehr gut, aktuell sind es nur noch 64 Prozent. Der Anteil derer, die die Versorgung als gar nicht gut oder nicht so gut beurteilen, stieg von 15 auf 34 Prozent.

Es gibt weitere Reformen - sie helfen aber nicht

Eine Mehrheit von 56 Prozent glaubt, auch in den zwei bis drei vergangenen Jahren Verschlechterungen festgestellt zu haben, für 35 Prozent ist die Qualität der Gesundheitsversorgung in etwa gleich geblieben, nur fünf Prozent sehen Verbesserungen.

Durchweg fällt das Urteil von Patienten über die Leistungen der Medizin, der Ärzte und des Pflegepersonals immer noch sehr positiv aus. Das Nahbild von der Medizin, das aus eigenem Erleben geprägt ist, ist freundlicher als das Fernbild vom Gesundheitswesen, das stärker von der öffentlichen Diskussion beeinflusst wird.

Vor allem die Zukunftserwartungen sind von deutlichem Pessimismus geprägt. Steigende Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung erwarten 84 Prozent der Befragten. 81 Prozent rechnen damit, dass die Zuzahlungen für Medikamente erhöht werden. Eine Tendenz zur Zwei-Klassen-Medizin - immer wieder öffentlich thematisiert - sehen 78 Prozent. In zehn Jahren, so glauben 72 Prozent, werden die Krankenkassen nur noch eine Grundversorgung übernehmen. Zwei Drittel glauben, dass es 2017 keine medizinische Versorgung auf dem Niveau von heute mehr geben wird.

An Gesundheitsreformen scheinen sich die Menschen längst gewöhnt zu haben. Drei Viertel sind sich sicher, dass es politische Eingriffe auch in Zukunft geben wird. Aber die Skepsis in die Problemlösungskraft der Politik steigt, und zwar rasant: 2005 waren noch 65 Prozent skeptisch, aktuell sind es 76 Prozent. Vertrauen, dass es politisch gelingt, eine Grundversorgung zu garantieren, haben noch 17 Prozent, 23 Prozent waren es vor zwei Jahren.

Deutliche Unterschiede über das Vertrauen in die Zukunft gibt es zwischen gesetzlich und privat versicherten Bürgern. Auf die Frage: "Was glauben Sie: Wie ist man im Krankheitsfall besser abgesichert - bei einer gesetzlichen Krankenkasse oder bei einer privaten Krankenversicherung?" fiel die Antwort mit 64 Prozent eindeutig zugunsten der PKV aus. Nur 19 Prozent sahen der in der GKV den besseren Versicherungsschutz.

PKV gilt als eindeutig bessere Versicherung

Von den gesetzlich Krankenversicherten fühlten sich derzeit 53 Prozent (2005: 60 Prozent) gut abgesichert, nicht ausreichend abgesichert fühlten sich 36 Prozent (2005: 28 Prozent). Die Werte für die PKV sind deutlich besser: 84 Prozent (2005: 87 Prozent) halten dort ihren Versicherungsschutz für gut, nur zwölf Prozent (2005: sechs Prozent) sehen Versicherungslücken. Das zunehmend kritische Urteil über die GKV ist eine Folge politischer Entscheidungen: Mangelnde Absicherung wird vor allem bei der Zahnbehandlung und der Versorgung mit Brillen und Sehhilfen angegeben. Letztere wurden als GKV-Leistung vor drei Jahren fast völlig gestrichen, Zahnersatz gibt es nur als Teilkasko.

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